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Historie

Drei Sagen aus dem Schnalstal

Drei Sagen aus dem Schnalstal

Gesammelt von Gianni Bodini

Die Niederjöchler

Vom Schnalstal führt ein Pfad über den Niederjochferner nach Vent im Ötztal. Auf jenem Ferner wohnten Eismännlein, die man dort auch Eisnörggelen oder kurz „Niederjöchler“ nannte. Hoch oben auf dem Niederjoch trug es sich einst zu, dass ein Hirt sich im Unwetter bei strenger Kälte verirrte, todmüde sich auf eine Steinplatte setzte und einschlief. Auf einmal wurde er wachgerüttelt und geschüttelt. Wie er endlich aus dem erstarrenden Schlummer auffuhr, standen zwei Niederjöchler vor ihm, fassten ihn gemeinsam an und schleppten ihn bis zum Abstieg ins Schnalser Tal. Durch die andauernde Bewegung wurde der Mann wieder frisch und erreichte glücklich das Tal. Der Hirt, der hernach noch lange lebte, ließ zum Dank an jener Stelle ein Marterl errichten.

„O Mander, husch, husch!“

Alljährlich zieht Mitte Juni eine Herde von über tausend Schafen von Schnals auf die Gurgler- und Windachalm im Ötztal hinüber. Dort weiden sie den Sommer über und kehren im September neuerdings nach Südtirol zurück. Wieder einmal war es an der Zeit, die Schafe heimzuholen. Als die Schnalser in Hemdsärmel erschienen, begegnete ihnen in der Nähe von Obergurgl eine alte Hexe, die sich trotz der warmen Sonnenstrahlen in ein dickwollenes Wintergewand hüllte, aber dennoch so sehr vor Kälte zitterte, dass ihre Zähne nur so klapperten. Als sie die Schnalser sah, hauchte sie in die dürren Hände und rief: „O Mander, husch, husch!“ Die kräftigen Männer lachten bloß über sie. Tags darauf zog der Schaftrieb richtig über den Ferner, wurde dabei aber von einem Schneesturm überrascht. Es gingen dabei eintausenddreihundert Schafe zugrunde samt den Begleitern, bis auf zwei Hirten.

Die verfluchte Alm

Von Vent zwei Stunden im Niedertal drin heißt man es bei der „Ochsenhütte“. Es ist eine verlassene Hütte, denn ein Unsegen ruht auf dieser Alm. Das Dach ist schon lange fort und nur die Mauern stehen noch als Zeichen, dass hier einst eine blühende Alm war. Rechts und links türmen sich Felswände, grünes Gletschereis lugt von oben herab. Doch hier bei der Ochsenhütte ist grüner Weideboden. Aber keine Kuh kann hierher getrieben werden, so oft es auch versucht wurde, denn diese Alm ist verflucht. Und das kam so: in uralten Zeiten war hier eine gesegnete Alm, viel Butter und Käse wurden von hier ins Tal hinab getragen. Da kam einmal eine arme Wanderfamilie durchs Tal herauf, wollte übers Niederjoch ins Schnals weiter und ins Vinschgau reisen. Schlechtwetter war eingefallen und da ist’s nicht ratsam übers Niederjoch zu gehen, schon gar nicht mit Weib und Kindern. So bat denn der Vater der Familie beim Oberhirten um eine Unterkunft für die Nacht. Doch der hatte kein Erbarmen, auch nicht die anderen Almleute. Sie verspotteten sogar die armen Häuter, bis endlich der Schäfer sie mit harten Worten vor die Hütte hinausschob: „Bleibts draußen bei den Schafen und Geißen im Stall!“ Sie mussten frierend und nass in den Schafpferch. Und in der Nacht geschah es, dass die Familie zu den vier Köpfen noch ein Kleines bekam. Trotzdem jagten die Almleute die schwache Mutter samt ihrem Neugeborenen und den anderen Kindern vor die Hütte. Der Vater verließ mit seiner Familie die harten Leute mit dem Fluche: „So sollt ihr Schäfer bleiben bis zum Gericht Gottes und nie mehr Kuhhirten und Ochsner sein. Das Gras dieser Alm soll kein Rind mehr nähren!“ Und der Fluch ging in Erfüllung. Noch am selben Jahre gingen Kühe und Ochsen, bei 40 Stück, an dem schwarzen Brand zugrunde. Ja, das Niedertal ist eine große Schafalm geworden. Bei 2000 Stück weiden dort. Oft aber sieht man die ehemaligen Hirten als traurige Schatten herumschleichen und hört ihr Jammern.

Unglück bei der Stettiner Hütte und im Tisental

Unglück bei der Stettiner Hütte

Interview Hans Haid mit Hans Götsch

Audio-Interview aufgenommen von Hans und Gerlinde Haid am 13.02.2006 im Haus von Hans Götsch im Schnalstal

Der Volkskundler Hans Haid hat zusammen mit seine Frau Gerlinde am 13. Februar 2006 dieses Audio-Interview mit Hans Götsch in seinem Haus im Schnalstal aufgenommen. Hans Götsch schildert eine Erzählung zu einem Unglück an der Stettiner Hütte um die 1920er, des weiteren erzählt er von einem Unglück im Tisental von 1979.

[Ausschnitt „Goetsch-Interview-Hans-Haid.mp3“: Bei 0:37 kommt noch die Frage von Hans Haid, ab 1:03 erzählt Hans Götsch. Es gibt einige Zwischenfragen von Hans Haid (kursiv). Dieser Ausschnitt geht bis 11:36]

Unglück bei der Stettner Hütte (1920/1930er Jahre) & Unglück 1979 im Tisental

Transkription im Dialekt

De hobm se gsegn, dass sie nimmer auerkemmen aufn Gletscher. Und dann hobm si mießn ausweichn. Sein auf die Stettiner Hütte zuachn gangen mit de Viecher und do seines zuachn gongen mit de Viecher und so seines nochr drfroorn.

Die in der Hüttn Plotz ghobt hobm, hobms überlebb und olls wos draußn gebliebm ischt, di sein am Morgn nochr drfroorn.

Zwischenfrage Hans Haid: In welchem Jahr?
Des tat i scho aussafindn. Der Weger, der Hermann, a dr Lois, dr heitige Baur vom Weghof, die wissatn des sicha genau. De hobm ins des dazumal als kloane Buabm erzählt.

Haid: Du hast das aber selber nicht erlebt?
Na, na. Mier nimma.

Haid: Also: Durchs Pfossental, dann Grub Alm und hinauf aufs Gurgler Eisjoch. Und deshalb ist mir das komisch vorgekommen, denn da hat man ja weit übers nächste Joch drüber … und da ist die Stettiner Hütte. Und da ist es gewesen? Beiläufig das Jahr?

I glaub, des kennt gwesn sein in die zwanzger, dreißger Johr. Des Jahrhundert holt jednfalls. Do sein sovl Toate obm gwesn. Die Schof sein drfroarn. Von Schturm. Des ischt gonz is gleiche wie bei ins in die 70er Jahr, des ischt 1979. Gsogt hobm si, so bei die 350, 400 Schof, wos do hin gwesn sein. Do hobm si, wie si drzählt hobm, olle Zimmr voll ongeton, in gonzn Schutzhaus, olls voll oongschteckt, wos si Plotz koppt hobm. Hots holt iibrlebb und di gonz schwarn Wiidr und die Görn, hobm se gedenkt, die überlebms und an Morgn seins a drfrorn, von Wind drschtickt. So a koltr Schneaschturm ischt do gwesn. Do sein olle vrwahnt.

Und so ähnlich ischt es ins passiert. I wor jo drbei, wie mier di 200 Toatn do koppt hobm. 1979 oder 1980. I woas jetzt nit so genau. Im Frühjahr bein Auftreibm ischt doss passiert. Dos ischt des Johr gwesn, wo mei Bruada ghiatet hot, auf dr Olm in Niedrtol. Und des von mir dos erschte Johr, wo i nit ols Treiber aufd Olm mitgongen bin. Weil i auf da Seilbohn drin, bei dr Gletscherbohn Bohnenbegleiter gwen bin.

Und do ischt so a groaßr Nordwind gongen und kolt gwesn. Ietz hobm mier mit dr Bohn nimmr fohrn gekennt und dann hot mir des koa Rua glott. Honn i mier gedenkt, dos gibt’s jo nit, dass die andrn mit de Schof iibrn Joch kemmen heit. Und donn hon i gfrogt, ob i drin nit weggean kon, weil i decht nit foarn kon. I mecht gern den Bruader nachgean, also den Schaftrieb. Donn bin i aussa Vernagt und dr Baur, der Unterprettracher, des wor damals nö dr Hermann, dr zweite Bua, der den Hof übernommen hot. Der ischt mier donn mitgongen durchn Tisnberg eini und wie mier dann aufn Hausr kemmen sein, ischt der erschte Bauer außr. Des woar dr Rainer Johann, der Leiterbauer. Und donn hat er zu mir gsogg, weil i eam ongschprochn hob, wia tuats do obm: Jo moansch du, i will hin sein? Voar i hin bin, gea i lieber hoam. Und do sog i, jo, des derf do nit sein, dass man die Kollegn hintn lott, wenn do oanr weckgeat. Der wor jo gonz drfroarn. Und wie i nochr auikemmen bin, bis zebrigscht im Tauf, untr die Jochkeefl, ischt mei Onkl, dr Götsch Konrad, gschtontn bei di Schof holt do, und der hot ausgschaug, wie dr Etzi, wie vom Messner des Foto von Himalaja, der Bort mit zehn Zentimetr longe Eiszopfn. Aso ischt der Mensch obm gschtontn und mit de Augn hot er nimmr ausgseegn. Nit. Do honn i mier gedenkt, muaß man ihn amol auskraln, dass er ibrhaup amol schaugn kann. Dann hat er gschriirn. Hot a weh geton, wenn man so drfrorn ischt. Nit. Und donn sog i: Konrad, gea ietz hoam, wearn mir schaugn, wie mier doss drrichtn. Des ischt leidr ins a nitt gelungen. Mier hobm woll di Schof von Tauf her. Die sein nimmr virwärts, nimmr hintri gongen. Es war ungefähr so a Metr Neuschnea. Von Wind verwaht. Und so schteil. Von di Schof hoscht selbr nimmr viel gsegn. Und donn hobm mir woll di Schof zrugg gebrocht auf dr Kuppe do, wo mans in Mittogsknöttl hoasst, auf der Kuppe do, weil man gedenkt hat, kannt die Lahn gaaling kemmen und kannt di Schof olle weck tien…

Gaaling hobm mir woll di Schof a bissl zrugg gebrocht und donn ischt Obmnt gwordn und dann hobm mier holt a mießn zrugg gean. Und i muass sogn, des woa eigentlich a bissl a Fahler, a von de Treiber, die do mitwoarn. Es hätt jo die Bergrettung, die Feuerwehr verständigt wern solln, die gholfn hättn aui zu gean, mera Leit mitnondr, donn hätt ma dr Schof sicha weita oa gebrocht und am nextn Tog warn koane vrendet gwesn.

In nägschtn Tog, wies grau gworn isch, do hobm mir am Obmnt a bissl a Aussprach gholtn zwischn ins Baurn und donn ischt ausgmocht worn, dass dr Leo mitm Hubschraub kimmt und ins inni fliegt, wie weit er holt konn fliegn. Und wir worn donn um Viertl noch vier, holb fünf ischt er donn kemen und hot erscht amol mi und in Finailer, weil i gwisst hon, wo di Schof sein, wo mir se glossn hobm. Donn ischt er zwoa, dreimol, viermol gflogn, bis er holt olle obm ghobb hot. In negschtn Tog wor is gleiche Sauwettr, lei nimma gschniebn. Dr Onrwint ischt gongen, in den Tol drinn, da hosch nit amol gscheit schnaufn kennt, vo lautr dass dr Wind do gwirblt hot. Und donn hot der nit glei londn kinnt, homma miassn so oihupfn in Schnea, do semma sem selba fast drstickt. Do bischt jo gschteckt, doss de Fiaß nimma aussikriagt hoscht in dem Tiefschnea drin. Und donn sein mia schaugn gongen, wo di Schof so sein. Und dees ischt schiach oanfoch, wenn man dees amol gseachn hot, deet und dort so a Lechl, wo man gsegn hot, do gea a bissl so a Dampf au, do mießn no lebate Schof druntr sein, weil si gschnauft hobm und durchs Schnaufn dr Dompf aufgschtiegn und hobm nochr ausgrobm. Und wos ischt passiert, die obm auf gstondn sein, hobm no glebb und ollle, die druntr drinn gwesn sein, sein holt drfoarn gwesn. Und so a 100 wearn holt vrendet sein gwesn. Hauptsächlich de Lamplar, de kloan. Mit de ondrn sein se driibr keemen, zen Glick. De zweite Gruppe woarn jo de Muattaschoof. Und donn ischts holt passiert gwesn. Dann hobm mir gschaut, olle Schof zsommzesammle, in Netze eini ze tien und hobm se donn zu Tal gflogn. Mier kennen olle von Glück redn, dass in die Treibr nit mehr passiert ischt. Hättn jo leicht kinnt Leit draugean. Do siicht man oamol, wie wertvoll die Bekleidung ischt. Wenn Leit do mitgean, doss se miassn bekleidet sein, worm hobm, an ordentlichs Schuagwond hobm. Es ischt holt nit vorstellbar, doss do jeder Mensch konn mitgean. Des muass de Witterung zualossn. Dort obm aufm Joch ischt a ondrs Wettr, a ondrs Klima. Doss holt etwas passieren a konn. So ischt doss holt. 1979 wor doss. Glaub schon 79.

Nit anders wird es in der Stettiner Hütte passiert sein. Nicht ondrs.

Übertragung ins Schriftdeutsche

Ich glaube, dass es in den 1920er oder 1930er Jahren war. Dieses Jahrhundert jedenfalls. Damals hat es oben so viele Tote gegeben. Die Schafe sind im Sturm erfroren. Das ist genauso wie bei uns 1979 gewesen. Man hat erzählt, dass 350 bis 400 Schafe verendetet sind. Man hat die Schafe, in die Zimmer der Schutzhütte gesteckt, alle die nur Platz hatten, wie sie erzählen. Diese haben überlebt. Die Treiber dachten, die älteren Widder und die Mutterschafe könnten draußen die Nacht überstehen, doch am nächsten Morgen waren alle erfroren oder im Sturm erstickt. So einen kalten Schneesturm hat es damals gegeben.

So ähnlich ist es uns auch passiert. Ich war ja dabei, als wir die 200 Toten gehabt haben. 1979 oder 1980. Ich weiß es jetzt nicht mehr so genau. Im Frühjahr beim Auftreiben ist es passiert. Das ist das Jahr gewesen, als mein Bruder gehütet hat, auf der Alm im Niedertal. Und für mich war es das erste Jahr, dass ich nicht als Treiber mit auf die Alm gegangen bin. Weil ich bei der Seilbahn in Kurzras, bei der Gletscherbahn gearbeitet habe.

Es hat ein starker Nordwind geblasen und es war kalt. Da konnten wir mit der Bahn nicht mehr fahren und es hat mir keine Ruhe mehr gelassen. Ich dachte, „das gibt es doch nicht, dass die anderen heute mit den Schafen über das Joch kommen“. Und dann habe ich gefragt, ob ich nicht weggehen darf, weil ich mit der Bahn ja doch nicht fahren kann. Ich möchte gern meinem Bruder nachgehen, also auf den Schaftrieb. Dann bin ich nach Vernagt gefahren und der Bauer, „der Unterprettracher“, das war damals noch der Hermann, der zweite Sohn, der den Hof übernommen hat, ist mit mir mitgegangen. Von Vernagt über den Tisenberg. Als wir dann auf den „Hausr“ angekommen sind, ist uns schon der erste Bauer entgegengekommen. Es war Rainer Johann, der „Anderleiterbauer“. Der hat zu mir gesagt, da ich ihn fragte, wie es oben aussieht: „Ja denkst du, ich will tot sein? Bevor ich sterbe, gehe ich lieber nach Hause“, darauf habe ich gesagt, „das darf doch nicht sein, dass man die Kollegen im Stich lässt, indem man einfach weggeht“. Er war ganz erfroren. Als ich dann angekommen bin, ganz oben im „Tauf“, unter den „Jochköfeln“, ist mein Onkel, der Götsch Konrad, bei den Schafen gestanden und hat ausgesehen wie der Ötzi oder wie der Reinhold Messner auf dem Foto am Himalaja. Den Bart mit zehn Zentimeter langen Eiszapfen bedeckt, so dass er nichts mehr sehen konnte. Ich habe mir gedacht, dass ich ihn abkratzen muss, damit er überhaupt etwas sehen kann. Dann hat er geschrien, denn es tut sicher weh, wenn man so erfroren ist. Ich sagte zu ihm: „Konrad, geh jetzt nach Hause. Wir werden sehen, wie wir das lösen können.“ Aber leider ist uns das nicht gelungen. Wir haben die Schafe vom Tauf hergebracht, jedoch sind sie weder vorwärts noch rückwärtsgegangen. Es gab ungefähr einen Meter Neuschnee, der vom Wind verweht war. Und steil war es dort. Von den Schafen hat man nicht mehr viel gesehen. Wir haben die Schafe dann zurück auf die Kuppe gebracht, auf das sogenannte „Mittogsknöttl“, weil wir gedacht haben, es könnte ja eine Lawine kommen und die Schafe sonst alle mitreißen.

Irgendwann haben wir die Schafe ein bisschen zurückgetrieben, es wurde Abend und dann mussten auch wir zurückgehen. Ich muss sagen, es war schon auch ein Fehler der Treiber, die mitgegangen sind. Man hätte die Bergrettung oder die Feuerwehr verständigen müssen mitzugehen. Mit mehr Leuten hätten wir die Schafe weiter hinuntergebracht und es wären am nächsten Tag keine verendet gewesen.

Am Abend haben wir Bauern uns zusammengesetzt und ausgemacht, dass Leo (Gurschler) mit dem Hubschrauber kommt und uns hineinfliegt, soweit er eben fliegen kann. Am nächsten Tag ungefähr um halb fünf hat der Hubschrauber erst einmal mich und den „Finailer“ Bauer hinaufgeflogen, da ich wusste, wo die Schafe sich befinden. Danach ist er weitere viermal geflogen, bis er alle nach oben gebracht hat. An diesem Tag war das gleiche Sauwetter, nur geschneit hat es nicht mehr. Der ober Wind hat in diesem Tal geweht, da hat man nicht einmal atmen können, so stark wehte er. Deshalb hat er nicht gleich landen können und wir haben in den Schnee hinunterspringen müssen, dabei sind wir fast selbst erstickt. Wir sind so fest im Tiefschnee gesteckt, dass wir die Füße fast nicht mehr herausbekommen haben. Dann haben wir die Schafe gesucht. Der Anblick war furchterregend, ab und zu konnte man ein Loch sehen aus welchen ein bisschen Dampf nach oben stieg, darunter mussten sich noch lebende Schafe befinden. Wir haben die Schafe dann ausgegraben. Die Schafe die sich oben befanden lebten noch, die unteren hingegen waren alle erfroren, ungefähr 100 Stück, darunter hauptsächlich Lämmer. Mit den anderen sind sie zum Glück über das Joch gekommen. Die zweite Gruppe waren ja die Mutterschafe. Wir haben versucht, alle Schafe und Sachen zusammenzusammeln und sie in Netze zu geben, um sie ins Tal zu fliegen. Wir können alle von Glück reden, dass den Treibern nicht mehr passiert ist. Es hätten auch leicht Menschen sterben können. Da sieht man wie wertvoll gute Kleidung ist. Wenn Leute da mitgehen, müssen sie entsprechend gekleidet sein, mit warmer Kleidung und guten Schuhen. Es ist nicht vorstellbar, dass da jeder mitgehen kann. Die Witterung muss es zulassen. Dort oben auf dem Joch ist ein anderes Wetter, ein anderes Klima. Es kann immer etwas passieren. So ist das.

Das war 1979 und bei der Stettiner Hütte war es wahrscheinlich ähnlich.

Schneefluchtrecht

Transkription im Dialekt

Die Ventr tua i olm respekNern. Wie des 79 gwen ischt. Sein mir noch Vent gfoorn und hobm donn erlebt, wie entn di Bauern is Fuatr ins gebrocht hobm fier di Schof, di mia bei Vent ghiatet hobm. Des hot olls der Österreichische Bund finanziert. A die Großzügigkeit und das Verständnis der Bauern drübm: dos war bei ins do nit aso. Na, des mecht i olm sogn, bei ins di Leit, i woas nit, dribn honn i dees drlebb, dass die Hirtn, mier olle, sein do mit wormen Tee vrsorgt wordn und Essn hobm mir kriagt, hearwerts vo jedn Mensch.

Di Schof hobm kennt no di gonzn Bluam oofressn, bei da HausNa do. Hot koa Mensch gschumpfn. Di HausNa voll onscheissn kennt, a niemand gschumpfn. Die Leit hobm olle Verstöndnis kopp. Des sog i olm, wenn do bei ins eppas war in Schnals, di warn nit aso, i glab des oafach nit. Mit di erstn Schof sein mia ibrs Joch driibakeemen, dann hobm mir mießn Schneafluchtrecht oifoorn. In Vent worn 50, 60 cm Schnea. Jo jo, i bin jo selbr dribn gwesn. Nit. Wos willsch do Nen mit soovl Schof. Hobm mier mießn ochofohrn, ibr di Pruggn und rechts so her auf den Anger, den ebmen Plotz. Und do hobm mir holt di Schof ghietet. Ondrs wars nit gongen. I woas eigentli nit, unten, wo di TolstaNon is, warum si nit sem auf den Plotz gloD hom. Do entn, vielleicht sein si no enger beinond gwen, doss man nit soviel miesst schaugn, dass ins nit auskemen, weil nach unten kemen si nit, do is der Bach, nach oben kemen si nit, dort sein di Felsen, deniedn sein mehr di Heisr. Dann hot ma lei mehr zwischen di Heisr mehr Wach stehen sozusagen, doss si ins nit auskemen. Und donn worn mier do drübm zwoa Tog, volle Tog. Di Venter hobm ins mitn Hubschrauber Heu gebracht, hot ins is FuDer gebracht. Es waren so 800 oder gar 1000 Schof, eher glab i 1000 Schof. Jo, zwoa Toge sein mier bliebm. Mier sein direkt aufgnommen wordn. Des muaß man selbr mitdrlebm. I wor jo olle Tog driebm.

Übertragung ins Schriftdeutsche

Die Venter respektiere ich immer. Als wir 1979 nach Vent gefahren * sind, haben wir erlebt, wie uns die Bauern dort Futter für die Schafe, die wir in Vent gehütet haben, gebracht haben. Das hat alles der Österreichische Bund finanziert. Auch die Großzügigkeit und das Verständnis der Bauern dort, wäre bei uns nicht so. In Vent habe ich erlebt, dass die Hirten, also wir alle, mit warmen Tee und Essen versorgt wurden, ohne dass wir darum gebeten hatten.

Die Schafe durften die ganzen Blumen vor der Haustüre abfressen und kein Mensch hat geschimpft. Sie haben auch die Haustür anscheißen können und niemand hat geschimpft. Die Leute haben alle Verständnis gehabt. Ich glaube, wenn bei uns in Schnals so etwas passieren würde, dass dies nicht so wäre. Mit den ersten Schafen sind wir über das Joch gekommen, aber dann mussten wir das Schneefluchtrecht nutzen. In Vent sind 50, 60 cm Schnee gelegen. Ja, ich war ja selbst dabei. Was will man da machen mit so vielen Schafen? Wir haben nach Vent hinunterfahren müssen, über die Brücke nach rechts auf den Anger, auf den ebenen Platz. Und dort haben wir die Schafe gehütet, anders wäre es nicht gegangen. Ich weiß eigentlich nicht, warum sie uns nicht auf den Platz neben der Talstation gelassen haben. Dort wären sie enger beieinander gewesen und man hätte nicht so aufpassen müssen, da unten der Bach, oben der Felsen und daneben die Häuser gewesen wären. Da hätten wir nur noch zwischen den Häusern Wache stehen müssen. Wir waren zwei volle Tage in Vent. Die Venter brachten uns mit dem Hubschrauber Heu. Es waren 800 oder vielleicht sogar 1000 Schafe, eher 1000. Wir sind direkt aufgenommen worden. Das muss man selbst erlebt haben, ich war ja die ganze Zeit dort.

(*Die Treiber sagen in der Regel: „Wir fahren mit den Schafen“)

Schlechtwetter August-September 1987

Schlechtwetter

Interview Hans Haid mit Alfons Gufler

Alfons Gufler aus Pfelders schildert einige Unglücksfälle bei der Transhumanz

Der Volkskundler Hans Haid hat mit Alfons Gufler am 16. Oktober 2006 auf seinem Hof Hinteroberstein in Pfelders ein langes Gespräch geführt und auch auf Tonband aufgenommen. Im Sommer 2007 ist Alfons Gufler zum dreißigsten Mal mit Schafen von Pfelders ins Ötztal gezogen. Was hat sich Ende August und dann Ende September 1987 ereignet? Wie hat er das alles erlebt?

Schlechtwetter im August und September 1987

Transkription im Dialekt

jo, das ischt oamol gewesn. hats in 29. august ongfongen schneibm. ischt grod schenwieser kirchtog gewesn. und die sell nocht hats ongfongen schneibm. und in montag hots no woltn gschniibm und in erchtog sein vor dr hitt entn 30 cm gewesn, in erchtig. und dr hittnwirt von dr longtoleckhitt, dr siggi, isch lei mea mitn pistngerät gfohrn bis zur schenwies. und bis sem aui is grod no gongen mit di kettn.

und die schof sein holt olle in die schneabr obm gschtontn und in die schneabr gschtontn und in mittig (= mittwoch) ischt nochr dr obmann kemmen und dr gernot patzlt und no zwoa baurn. zearschts geat kimmt is bundeshea mit dr hubschraubr mitn hei fliegn. und nochr ischt holt olm letz wettr gwesn und nebl und gschniibm und a lausigs ongricht. in pfinstig bin i innr in longtol. sog dr siggi, gea nur jo nit in dr schwärze durch. und sein obm hon i 58 schtean kopp. sell hon i gwisst. und die schwärze ischt a gfährlichs ort. und i honn gsogg: na, i gea nit.

und bin von dr hitt außo und inni und ibr die prugg und bin inni in die schwärze. nebmen boch hon i no in rucksocck niidrgleggt und hon in hund gmocht drbei zuachisitzn. norchr bin i auchi. die schof sein obm zu zwoa schiiebeler gwesn. auchgewootn und hon an wiidr drwuschn. in sem han i aufn ruggn niidrglegg und bei de hintrn schtutzn oorgezoogn bis zen boch. nor hon i an weg kopt. und nochr bin i aur um zu die andrn. und hon die ondrn her und hiegrn boch.

und außrwärts bin i in longtol zuegekehrt und hot dr siggi gschumpfn. alloan do inni in ar selln gfohr. obr i honn mir gedenkt, wenn die sunn auskimmt, bricht alls und laant obi und die schof hon i hiin. und in somstig hon i af dr oan seitn obm a schiibl schteckn kopp, olls gloshort gwesn. bin um drui weg mitn batterieliecht iibrs briggl und in die seitn auhn und honn die schof oha bis zintrigscht hintr dr windlehn und deniidn zen peilstoan aussn. do isch dr lukas keemen und er sogt: um zwelfe kimmt dr hubschraubr hei fliegn. i sell mitfliegn. i sog: lukas, flüig du ma mit, i zoag da die schoofschiibl, i konn nitte, wenn i nüicht untr de fieße honn, geat nitte. donn isch dr lukas ohn und mitgflogn und hons fleißig gemocht und olls guat gongen, hei gflogn. und nochmittooge isch nocha dr transporta auha mit kettn drau und die paurn, i muass sogn, a hilfe, wos ma do findet. und di hobm in transporta voll hei kopp. die paurn hobm iberall drinnt hei getroogn, fir die schofe und hobms gfietrt.

(Zwischenfrage Haid: Und sind gar keine hin gewesen?)
und i hob bein schnea koane hin kopp.

untrn kapellele, wo man ins löngtol geat, hot a ebe glämprt und zwoa lamplr kott. i honn si nitt außrgebrocht vo lautr schnea. nor honn i a platzl ausgetretn, woasch, in schnea drinn gleim angetretn. und die lamplr holt a bissl gsaug bei dr görre und ischt olles guat gongen. die lamplr sein mit hear in herbescht. lebatr. guat gongen. na, i honn wegnen schnea koane hin kopp.

in mantig hobm mir schon in erstn schnea kopp. und in mantig drau hon i in berg oogschaut und oogschaut. ietz sein außr ramol hoach obm schofe gwesn. honn i mitn glos gseachn. hoach obm. sogt dr alfred vo schönwies: gea nur jo nit auchn. gea nur jo nit auchn.

na, i gea nit auchn. und ear ischt hoam außn und i gea zum briggl ochn und in die laanstriche auchn und i bis inchn obm und han die elf schafe genommen. oane hat glämprt und hot a lampl, wilde wie a fuchs. obr die lebm. acht tage nicht kopp. und die schof oor und hon se außn und olles guat gongen.

a schob hebts ocht tog bis zehn tog. ob du muescht die johreszeit oonschaugn. in langes bein aukearn sein se mit drei tog hin. obr zelescht in august wenn die schofe fleisch und fettn hobm und a wolle au und fiern durscht kriagn se schnea, heebms acht bis zehn tage. und do hott si des bewiesen.

Übertragung ins Schriftdeutsche

Ja das ist einmal passiert. Am 29. August hat es zu schneien begonnen. Es war die Nacht nach dem „Schönwieser“ Kirchtag. Am Montag hat es weiter geschneit und am Dienstag lagen vor der Hütte 30 cm Schnee. Der Hüttenwirt von der Langtalereckhütte, der Siggi, ist mit seiner Pistenraupe zur Schönwieshütte gefahren. Bis dorthin konnte man gerade noch mit Schneeketten fahren.

Die Schafe sind alle im Schnee gestanden. Am Mittwoch sind dann noch der Obmann, Gernot Patzelt und noch zwei Bauern gekommen. Sobald es möglich war hat der Hubschrauber vom Bundesheer Heu hinaufgeflogen. Danach war immer schlechtes Wetter mit Nebel und Schneefall. Am Donnerstag bin ich ins Langtal gegangen. Siggi hat zu mir gesagt: “Geh ja nicht in die Schwärze“. Aber ich wusste ich habe dort noch 58 Schafe. Die Schwärze ist ein gefährlicher Ort und ich habe gesagt, dass ich nicht dorthin gehen werde.

Dann habe ich die Hütte verlassen, bin über die Brücke und hinauf in die Schwärze. Neben dem Bach habe ich den Rucksack abgelegt und dem Hund befohlen daneben zu sitzen. Dann bin ich hinauf. Die Schafe sind oben in zwei Gruppen gestanden. Ich bin hinaufgewatet und habe einen Widder erwischt. Den habe ich auf den Rücken gelegt, bei den hinteren Füßen gepackt und heruntergezogen bis zum Bach. Somit habe ich einen Weg gehab, bin hinauf zu den anderen und habe sie alle über den Bach geleitet.

Talauswärts bin ich bei der Langtalereckhütte eingekehrt und Siggi hat mich zurechtgewiesen: „Da drinnen allein in solcher Gefahr!“. Aber ich dachte mir, wenn die Sonne herauskommt, brechen die Lawinen los und die Schafe sind alle hin.

Ich wusste, dass auf der anderen Seite noch eine Gruppe Schafe feststeckten und da am Samstag der Himmel glasklar war, bin ich um drei Uhr nachts mit der Taschenlampe losgegangen. Ich bin über die Brücke, seitwärts hinauf gegangen und habe die Schafe bis nach unten hinter die „Windlehn“, hinüber bis zum Peilstein getrieben. Dort ist Lukas zu mir gekommen und hat gesagt: „Um zwölf Uhr kommt der Hubschrauber, um Heu zu liefern“. Ich antwortete: „Bitte sei so lieb und flieg du mit, ich kann das nicht, wenn ich keinen Boden unter den Füßen habe. Ich zeig dir wo sich die Schafgruppen befinden“. Dann ist Lukas hinunter und mit dem Hubschrauber mitgeflogen. Er hat es gut gemacht, alles ist gut gegangen und sie haben das Heu erfolgreich hinaufgeflogen. Am Nachmittag ist dann der Transporter mit Schneeketten gekommen, den sie voll mit Heu beladen haben, um es zu den Schafen zu bringen und sie zu füttern. Die Bauern waren dabei eine große Hilfe.

(Zwischenfrage Haid: Und sind gar keine Schafe hin gewesen?)

Trotz des Schnees ist kein einziges Schaf verendet.

Unterhalb der Kapelle, wo man ins Langtal kommt, hat ein Mutterschaf zwei Lämmchen geboren. Vor lauter Schnee schaffte ich es nicht sie herauszubringen. Also habe ich mit den Füßen einen Platz ausgetreten und den Schnee festgetreten, damit die Lämmer besser saugen können und es ist alles gut gegangen. Die Lämmer sind im Herbst mitgekommen. Lebend. Nein, ich habe wegen dem Schnee kein Schaf verloren.

Am Montag haben wir schon den ersten Schnee gehabt. Und am Montag die Woche darauf habe ich den Berg abgesucht. Außerhalb von „Ramol“ hoch oben in den Bergen habe ich Schafe gesehen. Ich habe sie mit dem Fernglas gesehen, hoch oben. Der Alfred von Schönwies hat zu mir gesagt: „Geh ja nicht dort hinauf. Geh ja nicht dort hinauf“. Trotzdem bin ich gegangen, ich ging über die Brücke, entlang des Lawinenstrichs hinauf und dort oben waren elf Schafe und ich habe alle elf Schafe mitgenommen. Eine hatte ein Lamm, ganz ein wildes, wild wie ein Fuchs. Aber sie haben gelebt. Die Schafe haben acht Tage nichts gehabt. Nichts. Kein Futter. Ich habe alle nach unten gebracht. Alles ist gut gegangen.

Ein Schaf hält es acht bis zehn Tage ohne Futter aus. Aber man muss beachten, in welcher Jahreszeit und unter welchen Umständen das ist. Im Frühjahr beim Auftrieb der Schafe wären sie nach drei Tagen tot. Aber im August hingegen, wenn sie fett und gut genährt sind, eine feste Wolle haben und wenn sie für den Durst Schnee haben, halten sie es acht bis zehn Tage aus.

Schlechtwettereinbruch im Juni und September 1979

Transkription im Dialekt

des ischt in neinundsiebziger jahr gwesn. hon i 1020 in endrn tol durch. bin i alloane gwesn, der iibrfuar ischt ibrn ]mml. woascht, sischt koanr. und nor ischt gonz a letzes we[r inngetroffn, und nochr: schnea, schnea. und nochr ischt gwesn: sein bein aukearn 66 hin gwesn. in langes, beinm aukearn. 66 schtuck sein hin gwesn. ischt a mords oongricht gwesn. de finanzer und de gendarm, olles ho[ si ingsetzt. und hots amol heargseechn: olle zomm]en, mit an baggr inngrobm odr vrbrennen und so. dass is viich aweck kimmt des toate. und zelescht ischt so weit gwesn, bold sie gschtunkn hobm, dass mir sie hobm gekennt inngroobm. ja. und nochr hon i holt inngegrobm und no oanr hat no gholfn. und aua ins ]mmltol und do sein de finanzer oha und gfrogt: hobt es de schof olle inngegrobm? – Jo. – Und morgn um siebn kimmsch am joch döbm und donn gemma schaugn gean. Und de finanzer sein hoamgfoarn und i bin no amol aui und hob grobm, bis ma nicht mea segn ho[. bolt i nicht mea gsegn hob, bin i zua an kno[ hin, mit an speck und an broat, hon i in rucksack kopp. donn bin i untrn kno[ und hob a weil glegn mitm rucksackl untrn kopf und ums togn hob i wieder ongfongn grobn. und donn hob is scho fleißig gmocht und in da fria bin am ]mml hin zu dem wossr und hob mi a bissl ogewoschn, doss i nit a so wild ausschaug. donn sein de finanzer obm gwesn und hobm gsogt: lass es guat sein. de schof sein ingschniibm gwesn. gelaant sein nit viel, obr di sein inschniibm. und donn hot man getriibn. wenn du a schof ontreibst in an an ding obm, is besser steanlassn. de schofe sein schwoch und wenn se nit ze fressn kriagn, hebms des nimma, do sein se gschwächt. (Anmerkung: Alfons Gufler spricht hier von anderen Orten in Tirol.) und donn sein 66 hingwest.

ist der september kemmen. 23. september ist sonntag gwesn. in gurgl 30 cm schnee zmorgets. in gurgl. sonntag gwesn. schafausstellung. 30 cm in gurgl untn. dr schneapflug gfoorn. und in ondrn tog ha[n mir in ]mmlstol ongfongen zommtreibm. jetzt hobm mier holt no gemiesst wortn und wortn, bis es a kloans bissl augeheat hot schneibm und nocha bin i mit 8 leit zum zammtreibm. und in erchtn tog hon i mier gedenkt, wenn di leit nit verlaant wern, war i schon zfriedn. und donn hobm mier de hälne zsomgebrocht in drei togen und sein mit de sem her und nocha holt nochgsuacht, oba in ganzn sein über 100 hin gwesn. langes und herbescht. über 100 sein in die berg bliebn.

Übertragung ins Schriftdeutsche

Das war 1979. Mit 1020 Schafe bin ich durch das Tal. Ich war alleine beim Übertrieb über das Timmelsjoch. Sonst keiner. Es kam ganz schlechtes Wetter mitunter sehr viel Schnee. Und so ist es passiert, dass beim Auftrieb im Frühjahr 66 Schafe verendet sind. 66 Schafe waren tot. Das war wirklich schlimm. Die Finanzer und die Gendarmen, alle haben sich eingeschalten, dass auch ja alle toten Schafe beseitigt werden. Wie wir das machten, ob mit einem Bagger ein Loch graben, um die toten Tiere einzugraben oder sie zu verbrennen, war nicht wichtig, es mussten nur alle toten Tiere beseitig werden. Die toten Tiere haben gestunken, als ich sie eingegraben habe, dabei hat mir einer geholfen. Wieder zurück im Timmelstal sind die Finanzer erneut zu mir gekommen und haben gefragt: „Habt ihr die Schafe auch alle gut eingegraben? Morgen um sieben kommst du aufs Joch und wir werden dies kontrollieren“. Die Finanzer sind dann nach Hause gefahren und ich bin noch einmal hinauf, denn ansonsten würden sie am darauffolgenden Tag bestimmt noch welche Füße sehen und so habe ich erneut gegraben. Solange bis ich nichts mehr sehen konnte. Ich bin dann zu einem Felsblock und aß Speck und Brot aus dem Rucksack. Dann habe ich mich unter dem Felsblock hingelegt, mit dem Kopf auf dem Rucksack. Als der Tag angebrochen ist, habe ich wieder weiter gegraben. Ich war auch sehr fleißig. In der Früh bin ich am Timmelsjoch zum Wasser und habe mich ein bisschen gewaschen, damit ich nicht so wild aussehe. Dann sind die Finanzer oben angekommen, andere wie am Tag davor und sagten: „Lass es gut sein“.

Die Schafe waren eingeschneit. Lawinen hat es nicht so viele gegeben, doch die Schafe waren eingeschneit. Man hat sie getrieben, aber auf keinen schneefreien Ort gebracht und wenn man ein Schaf antreibt, ist es besser, es stehen zu lassen. Die Schafe sind schwach, wenn sie nichts zu fressen bekommen und dann halten sie das nicht aus, das nach vorne treiben. (Anmerkung: Alfons Gufler spricht hier von anderen Orten in Tirol.) 66 Schafe waren tot. Und dann ist der September gekommen. Der 23. September es war ein Sonntag. Im „Gurgl“ lagen am Morgen schon 30 cm Schnee. An diesem Sonntag fand die Schafausstellung statt. Es waren aber 30 cm Schnee im „Gurgl“ unten. Der Schneepflug ist gefahren. Und am anderen Tag hätten wir im Timmelstal mit dem Zusammentreiben anfangen sollen. Jetzt mussten wir jedoch warten, bis es weniger schneite. Ich bin dann mit acht Personen zum Zusammentreiben los gegangen. Am ersten Tag dachte ich mir, wichtig ist, dass wir Leute nicht unter eine Lawine kommen, dann wäre ich schon froh. In drei Tagen hatten wir die Hälfte zusammenbekommen und sind mit denen anschließend über das Joch zurückgekehrt. Wir hatten mehrmals noch nach Schafen nachgesucht. Insgesamt waren aber über 100 Schafe tot. Im Frühjahr und Herbst, denn über 100 sind auf dem Berg geblieben.

UNESCO Kulturerbe

Transhumanz ist Immaterielles Kulturerbe der UNESCO

Was ist immaterielles Kulturerbe?
Die UNESCO hat fünf Bereiche definiert, die immaterielles Kulturerbe beinhalten:

  • Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen, einschließlich der Sprache als Trägerin des immateriellen Kulturerbes
  • Darstellende Künste
  • Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste
  • Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum
  • Traditionelle Handwerkstechniken

Immaterielles Kulturerbe ist nicht statisch, sondern dynamisch und durch Veränderung gekennzeichnet. Um in die UNESCO-Liste aufgenommen zu werden, muss eine Tradition über mindestens drei Generationen hinweg weitergegeben worden sein.

Es gibt einerseits ein Nationales Verzeichnis, in das exemplarisch Immaterielles Kulturerbe eines Landes aufgenommen wird. Analog zum Welterbe, das dem materiellen Erbe vorbehalten ist, gibt es auch noch eine Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Die Transhumanz in den Ötztaler Alpen wurde in beide Listen aufgenommen.

2011 wird die Transhumanz Nationales Immaterielles Kulturerbe

Die Transhumanz in den Ötztaler Alpen wurde nach vielen Jahren der Forschung, der Sammlung von Unterlagen und Unterstützungserklärungen auf die nationale Liste der UNESCO in Österreich im Bereich „Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum“ aufgenommen.

Maßgeblich initiiert wurde die Einreichung durch das Engagement des Volkskundlers Prof. Dr. Hans Haid, Ehrenobmann des Vereins Pro Vita Alpina, in enger Zusammenarbeit mit dem Kulturverein Schnals, vertreten durch Monika Gamper und Benjamin Santer.

Mitentscheidend für die Aufnahme in die Liste waren die Einzigartigkeiten dieser Transhumanz. Der Schaftrieb gilt als einzige grenzüberschreitende Transhumanz in den Alpen und führt zudem noch über die Gletscher. Laut Erkenntnissen der Ur- und Frühgeschichtsforschung wird sie seit mindestens 6.000 Jahre praktiziert. Zahlreiche Volkssagen, Geschichten aus mündlicher Überlieferung und Flurnamen belegen das hohe Alter der Schaftriebe in den Ötztaler Alpen. Die Transhumanz erfolgt nach alten Ritualen und Bräuchen. Die Kenntnisse über den Schaftrieb werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Urkunde für die Aufnahme in das Nationale Verzeichnis wurde im Rahmen eines Festaktes am 10.11.2011 in Wien verliehen.

2019 wird der Ötztaler Schaftrieb Immaterielles Kulturerbe der Menschheit

Nach der Eintragung auf die Nationale Liste des Immateriellen Kulturerbes Österreichs bemühte sich der Kulturverein Pro Vita Alpina mit dem Südtiroler Kulturverein Schnals, in Kooperation mit anderen Ländern und vor allem mit Hilfe der UNESCO Kommission für immaterielles Kulturerbe, die Tradition der Wanderschäferei auf die Internationale Liste zu bringen.

Österreich, Italien und Griechenland reichten den Antrag zur Aufnahme der Wanderweidebewirtschaftung gemeinsam ein, das UNESCO-Komitee beschloss die Aufnahme im Zuge seiner Tagung am 11.12.2019 in Bogota (Kolumbien). 2023 kamen noch weitere Länder hinzu: Albanien, Andorra, Kroatien, Frankreich, Luxembourg, Rumänien, Spanien.

I. Foto „unesco-festakt-bozen-2019.jpg“
Festakt UNESCO, 
Bozen/Bolzano 2019
Von links nach rechts: Monika Gamper & Benjamin Santer, Kulturverein Schnals; 
Arnold Schuler, Südtiroler Landesrat für Land- und Forstwirtschaft, Zivilschutz und Gemeinden; 
Martin Rainer, Agrargemeinschaft;
Arno Kompatscher, Landeshauptmann von Südtirol; 
Philipp Achammer, Südtiroler Landesrat für Deutsche Bildung und Kultur und für Integration; 
Maria Hochgruber Kuenzer, Südtiroler Landesrätin für Raumentwicklung, Landschaft und Denkmalpflege; 
Luise Gafriller, Kulturverein Pro Vita Alpina; 
Josef Götsch, Agrargemeinschaft; 
Johannes Ortner, Kulturverein Pro Vita Alpina.

II. Foto „unesco-festakt_2019-11-29.jpg“
Im November 2019 fand im Bundeskanzleramt Wien ein Festakt „10 Jahre Immaterielles Kulturerbe in Österreich. Kreativität Identität Kontinuität“ statt.
Von links nach rechts: Anna Steiner, Österreichisches Außenministerium; 
Sabine Haag, Präsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission
; Alexander Schallenberg, Bundesminister für EU, Kunst, Kultur und Medien; Patrizia Jankovic, Österreichische UNESCO-Kommission; Florentine Prantl, Kulturverein Pro Vita Alpina; Barbara Haid, Kulturverein Pro Vita Alpina.

III. Foto „unesco-festakt_2011-11-10_23.jpg“
Verleihung der Urkunde in Wien 10.11.2011
Von links nach rechts: Florentine Prantl, Kulturverein Pro Vita Alpina; 
Monika Gamper, Kulturverein Schnals; 
Maria Walcher, Österreichische UNESCO-Kommission; 
Benjamin Santer, Kulturverein Schnals; 
Hans Haid, Kulturverein Pro Vita Alpina; 
Eva Nowotny, Präsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission.

Das Südtiroler Klima in früheren Zeiten

Das Südtiroler Klima in früheren Zeiten

Brixner Chronik

Ausgabe 186 vom 17. August 1917

Aus dem Jahre 1563 liegt eine Urkunde vor, welche 18 Höfen vom obersten Schnalstal die Gerechtsame zuspricht, 177 Rinder und 1037 Schafe im Niedertal weiden zu lassen. Dieses Niedertal liegt aber auf der Venter Seite, im allerobersten Oetztal. Um dahin zu kommen, ging der Viehtrieb über das Niederjoch, über das man Schafe heute nur mit Mühe und Not bringt, von Großvieh ganz zu schweigen. Es muss also seinerzeit das Niederjoch noch nicht vereist gewesen sein, weil sonst die großmütige Gerechtsame der blanke Unsinn gewesen wäre, um nicht mehr zu sagen. Die Jöcher waren damals und noch früher überhaupt wegsamer, wie schon auch aus dem Umstand hervorgeht, daß, um nur ein paar Beispiele zu sagen, Vent zur Pfarre Tschars, später zu Unserfrau im Schnalstal und zum Gericht Kastelbell, Zwieselstein im Oetztal zur Pfarre St. Leonhard in Passeier gehörte.

Aus: Brixener Chronik, Zeitung für das katholische Volk, Nummer 186, Freitag den 17. August 1917

Ausschnittaus dem Artikel „Das Südtiroler Klima in früheren Zeiten“

Schwierige Bergfahrt

Schwierige Bergfahrt

Tiroler Volksbote

Freitag, den 26. Juni 1913, Seite 6

Vent, Oetztal, 11. Juni (Schwierige Bergfahrt.) Am Dienstag wurden, wie alle Jahre um diese Zeit, große Schafherden über die Jöcher getrieben von Schnals herüber. Etwa 300 Schafe gingen über das Hochjoch und mehr als 1000 über das Niederjoch. Sie gerieten nun schon beim Aufstieg in einen sehr heftigen Schneesturm, der Menschen und Vieh in Gefahr brachte. Von der Herde am Niederjoch sind auf der Schnalser Seite zum Joch herauf, wo der Weg sehr steil ist, mehrere Schafe, eine Ziege und zwei Lämmer erfroren. Die Leute bekamen auch genug. Zuerst regnete es, dann schneite es; in der Kälte und bei dem eisigen Wind gefroren die Kleider. Ein Bub mußte ein Stück weit zur Similaunhütte heraufgetragen werden. Statt um 9 Uhr kam man um 2 Uhr aufs Joch herauf. Auf der Venter Seite wurde es dann besser. Um halb 11 Uhr nachts kamen die letzten in Vent an. Die ältesten Hirten erinnern sich nicht, je einen solchen Uebergang durchgemacht zu haben. Etwas besser ging es denen am Hochjoch, wohl weil sie weniger Vieh hatten. Eine Ziege ging auch da zugrunde, während eine noch durch Einschütten von Wein durchgebracht werden konnte. Dauernden Schaden scheint aber doch kein Mensch genommen zu haben. Einen solchen Zwischenfall abgerechnet, sind die Uebergänge gut passierbar.

Ausschnitt aus dem Artikel: „Schwierige Bergfahrt“
Aus: Tiroler Volksbote, Freitag, den 26. Juni 1913, Seite 6
1914_06_26_VB_6_SchafherdenüberdieJöcher_Schlechtwetter.jpg (linke Spalte, eher unten)

Zeitungsberichte recherchiert von Manfred Schwarz und Annemarie Hofer
publiziert in: Manfred Schwarz, Annemarie Hofer: „Hören Sie einmal wieder ein Wort aus unserem Thale“. Ötztal und Schnals in Zeitungsberichten und Bildern 1849-1918. Schriftenreihe Ötztal-Archiv, Band 29. Hrsg.: Pro Vita Alpina, Kulturverein Schnals, 2023
„Schwierige Bergfahrt“: Seite 53