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Drei Sagen aus dem Schnalstal

Gesammelt von Gianni Bodini

Die Niederjöchler

Vom Schnalstal führt ein Pfad über den Niederjochferner nach Vent im Ötztal. Auf jenem Ferner wohnten Eismännlein, die man dort auch Eisnörggelen oder kurz „Niederjöchler“ nannte. Hoch oben auf dem Niederjoch trug es sich einst zu, dass ein Hirt sich im Unwetter bei strenger Kälte verirrte, todmüde sich auf eine Steinplatte setzte und einschlief. Auf einmal wurde er wachgerüttelt und geschüttelt. Wie er endlich aus dem erstarrenden Schlummer auffuhr, standen zwei Niederjöchler vor ihm, fassten ihn gemeinsam an und schleppten ihn bis zum Abstieg ins Schnalser Tal. Durch die andauernde Bewegung wurde der Mann wieder frisch und erreichte glücklich das Tal. Der Hirt, der hernach noch lange lebte, ließ zum Dank an jener Stelle ein Marterl errichten.

„O Mander, husch, husch!“

Alljährlich zieht Mitte Juni eine Herde von über tausend Schafen von Schnals auf die Gurgler- und Windachalm im Ötztal hinüber. Dort weiden sie den Sommer über und kehren im September neuerdings nach Südtirol zurück. Wieder einmal war es an der Zeit, die Schafe heimzuholen. Als die Schnalser in Hemdsärmel erschienen, begegnete ihnen in der Nähe von Obergurgl eine alte Hexe, die sich trotz der warmen Sonnenstrahlen in ein dickwollenes Wintergewand hüllte, aber dennoch so sehr vor Kälte zitterte, dass ihre Zähne nur so klapperten. Als sie die Schnalser sah, hauchte sie in die dürren Hände und rief: „O Mander, husch, husch!“ Die kräftigen Männer lachten bloß über sie. Tags darauf zog der Schaftrieb richtig über den Ferner, wurde dabei aber von einem Schneesturm überrascht. Es gingen dabei eintausenddreihundert Schafe zugrunde samt den Begleitern, bis auf zwei Hirten.

Die verfluchte Alm

Von Vent zwei Stunden im Niedertal drin heißt man es bei der „Ochsenhütte“. Es ist eine verlassene Hütte, denn ein Unsegen ruht auf dieser Alm. Das Dach ist schon lange fort und nur die Mauern stehen noch als Zeichen, dass hier einst eine blühende Alm war. Rechts und links türmen sich Felswände, grünes Gletschereis lugt von oben herab. Doch hier bei der Ochsenhütte ist grüner Weideboden. Aber keine Kuh kann hierher getrieben werden, so oft es auch versucht wurde, denn diese Alm ist verflucht. Und das kam so: in uralten Zeiten war hier eine gesegnete Alm, viel Butter und Käse wurden von hier ins Tal hinab getragen. Da kam einmal eine arme Wanderfamilie durchs Tal herauf, wollte übers Niederjoch ins Schnals weiter und ins Vinschgau reisen. Schlechtwetter war eingefallen und da ist’s nicht ratsam übers Niederjoch zu gehen, schon gar nicht mit Weib und Kindern. So bat denn der Vater der Familie beim Oberhirten um eine Unterkunft für die Nacht. Doch der hatte kein Erbarmen, auch nicht die anderen Almleute. Sie verspotteten sogar die armen Häuter, bis endlich der Schäfer sie mit harten Worten vor die Hütte hinausschob: „Bleibts draußen bei den Schafen und Geißen im Stall!“ Sie mussten frierend und nass in den Schafpferch. Und in der Nacht geschah es, dass die Familie zu den vier Köpfen noch ein Kleines bekam. Trotzdem jagten die Almleute die schwache Mutter samt ihrem Neugeborenen und den anderen Kindern vor die Hütte. Der Vater verließ mit seiner Familie die harten Leute mit dem Fluche: „So sollt ihr Schäfer bleiben bis zum Gericht Gottes und nie mehr Kuhhirten und Ochsner sein. Das Gras dieser Alm soll kein Rind mehr nähren!“ Und der Fluch ging in Erfüllung. Noch am selben Jahre gingen Kühe und Ochsen, bei 40 Stück, an dem schwarzen Brand zugrunde. Ja, das Niedertal ist eine große Schafalm geworden. Bei 2000 Stück weiden dort. Oft aber sieht man die ehemaligen Hirten als traurige Schatten herumschleichen und hört ihr Jammern.