Die Geschichte der Transhumanz von der Steinzeit bis heute
Die Geschichte der Transhumanz von der Steinzeit bis heute
von Gianni Bodini

Schafzüchter seit Tausenden von Jahren
Einer gemeinhin akzeptierten These zufolge leitet sich der Begriff pecunia von pecus, d.h. Schaf ab, da der Besitz vieler Schafe gleichbedeutend mit Vermögen war. Dies unterstreicht die Bedeutung, die Schafe einst hatten; und aus der Lex Baiovarorum aus dem 8. Jh. n. Chr. erfahren wir, dass einem Schuldner bei Zahlungsunfähigkeit sämtliche Güter gepfändet werden konnten, Schafe hingegen nur dann, wenn nichts anderes mehr da war! Um Schafherden erhalten und vermehren zu können, bedarf es jedoch eines fruchtbaren Bodens. Nun sind die Alpenregionen nicht mit vielen solcher Böden gesegnet. In bestimmten kargen Umgebungen war die Viehhaltung sogar jahreszeitlich begrenzt, da die Höhenlage, das steile und ausgesetzte Gelände, monatelange Schneefälle und andere Faktoren die Schafzüchter vor Tausenden von Jahren dazu zwangen, auf der Suche nach neuen Weiden beständig umherzuziehen. So entstand das Nomadentum, die älteste Form der Wanderung von Vieh und Mensch, welche wahrscheinlich als Ursache für den ewigen Konflikt zwischen Nomaden und Sesshaften angesehen werden kann; symbolisch dargestellt in der Erzählung der Auseinandersetzung zwischen dem (nomadischen) Hirten Abel, der von dem (sesshaften) Bauern Kain getötet wird.
In Bezug auf Vermögen und Viehzucht gilt es, auch über die Ereignisse in den schottischen Highlands Mitte des 18. Jahrhunderts nachzudenken: Dabei lässt sich ein Phänomen beobachten, das die Grundlage für die industrielle Revolution und den modernen Kapitalismus bildete; und wieder spielten die Schafe dabei eine entscheidende Rolle. Die Großgrundbesitzer zwangen die Kleinbauern zur Abwanderung, um Platz für Tausende von Schafen zu schaffen, deren Wolle einen ganzen Industriezweig versorgte und ein viel höheres Einkommen pro Hektar garantierte. Diese von der englischen Regierung gewollte „Operation“ wurde Clearances („Umsiedlungen“) genannt und erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 1792, einem Jahr, das im Gälischen als Bliadhna nan Caorach, das Jahr der Schafe, in Erinnerung geblieben ist!
Abschließend sei auch noch die Bank Monte dei Paschi di Siena erwähnt, die älteste Bank der Welt, die 1472 gegründet wurde und eine Zeit lang zu den wichtigsten Bankinstituten Italiens gehörte. Zunächst firmierte sie unter dem Namen Monte di Pietà, doch 1624 wurde sie zu einem vollwertigen Kreditinstitut und erhielt als Sicherheit für ihre Schulden vom Großherzog der Toskana, Ferdinando de‘ Medici, die Renten der staatlichen Weiden (Paschi) der Maremma!
Wenn man heute über das Nomadentum oder die Wanderschäferei als eine der archaischsten Formen des Wirtschaftens in Bergregionen nachdenkt, mag das hier, in einer der reichsten Regionen Europas, überflüssig oder antiquiert erscheinen, denn die Weidewelt erinnert an romantisierte, idealisierte Lebensweisen, die mit einer Gesellschaft aus anderen Zeiten verbunden sind. Aber das ist nicht der Fall. Lange vor dem Aufkommen der Landwirtschaft waren die Gemeinschaften auf der Suche nach spontanen Nahrungsquellen wie Beeren, Früchten, Pilzen und Wild gezwungen, ständig umherzuziehen: Diese Quellen waren jedoch begrenzt und schnell erschöpft!
Der Hund gilt als das erste Tier, das domestiziert wurde, weil er sich für die Jagd und zum Schutz vor wilden Tieren eignete; kurz darauf, vor etwa 10.000 Jahren, wurde das Schaf domestiziert. Es eignete sich vortrefflich für die Domestizierung, weil es friedlich war und nicht mit der Nahrung des Menschen konkurrierte. Bald erkannten die Hirten, dass Hunde und Schafe eine effiziente Gemeinschaft bildeten, und diese Koexistenz hat sich bis heute erhalten! Indem sie den Schafen folgten, erkannten die Menschen, dass sie dank der domestizierten Tiere neben der spontanen Nahrung, die in der Natur nicht immer zur Verfügung steht, regelmäßig Milch, Fleisch und Wolle hatten. Eine neue Art von halbnomadischer Gesellschaft war geboren, in welcher der Hirte und der Bauer oft ein und dieselbe Person waren.
Dieses Gesellschaftsmodell, das auch durch klimatische Faktoren bedingt wurde, entwickelte sich weiter und führte zur Spezialisierung. Die Transhumanz, d. h. das Überqueren anderer Gebiete mit den eigenen Tieren (Transhumus), hatte einen entscheidenden Einfluss auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur; aber auch auf das Verhältnis zwischen kontrastierenden Gesellschaftsformen: jene der Nomaden und jene der Sesshaften, was überall auf der Welt zu Konflikten führte, nicht nur zu symbolischen. Wahrscheinlich entstanden in diesem Kontext die ersten Regeln der Menschheit, die ersten Gesetze, die die Beziehungen zwischen Gemeinschaften mit unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Bedürfnissen erleichtern sollten. Es war notwendig, zu vereinbaren, wann und wo man Herden und Rudel durchlässt, ebenso Strafen für Übertretungen festzulegen und besondere Regeln für den Fall von schlechtem Wetter aufzustellen, welches vielleicht den Aufstieg in höhere Lagen wegen übermäßigen Schnees verhinderte oder verzögerte oder einen vorzeitigen Abstieg erzwang, und viele andere Maßnahmen. Die Zeit für eine durchziehende Herde durfte nicht zu lang sein, da sonst die für die sesshaften Bewohner verfügbare Nahrung erheblich reduziert worden wäre.
In diesem Zusammenhang ist eine merkwürdige Art der Zeitmessung überliefert. Als es noch keine Uhren gab, durften die Herden der Kortscher Bauern, die auf dem Weg zu ihren Weiden durch das Maneidtal zogen, das den Schlanderser Bauern gehörte, nur so lange weiden und in der Nähe des Gruab-Teichs trinken, wie der Hirte brauchte, um einen Laib Brot zu essen! Es gibt viele weitere empirische Systeme zur Messung des Zeitablaufs: Ich denke zum Beispiel an Hausfrauen, die zur Bestimmung der Garzeit bestimmter Speisen die Anzahl der aufzusagenden „Vaterunser“ zählten; oder an die Geschichte des Herrschers Gilgamesch, der nach seiner Rückkehr eine Woche lang schlief und beim Aufwachen den Leuten, die ihm das erzählten, keinen Glauben schenken wollte, sondern erst, als sie ihm die täglich gebackenen Brote zeigten, die also einen unterschiedlichen Reifegrad aufwiesen.
Es war auch wichtig, die Höchstzahl der Tiere festzulegen, die auf die Alm gebracht werden durften, um zu verhindern, dass sich die Weideflächen durch Übernutzung zu schnell erschöpften. Zunächst passte sich der Mensch an die Umwelt an, doch als er sesshaft wurde, begann er, die Umwelt an sich und seine eigenen Bedürfnisse anzupassen. In der Bibel gibt es zahlreiche Stellen, in denen Schafe und Hirten erwähnt werden. Auch der Trojanische Krieg und mit ihm zwei frühe Meisterwerke der Weltliteratur, Ilias und Odyssee, haben mit einem Hirten und seinem Urteil zu tun: es ist Paris! Auch Polyphem, der Zyklop in einem der fesselndsten Kapitel der Odyssee, ist ein Hirte. In diesem Kapitel werden die Arbeitsprozesse und Geräte, mit denen Milch zu Käse verarbeitet wird, wunderbar beschrieben. Auch wissen wir, dass die Erfindung des Alphabets – jenem rund 3.000 Jahre alten Schriftsystem – höchstwahrscheinlich mit Schafen in Verbindung zu bringen ist: In Knossos, einer mykenischen Siedlung, wurden antike Bücher gefunden, von denen ein Drittel das Logogramm der eingetragenen Schafsköpfe zeigt!

Das Hirtenwesen, endlos faszinierend
Kurzum, das Hirtenwesen ist ein endloses und faszinierendes Thema, das Analogien zur Kultur der Hirten in allen Ländern der Welt aufweist. Das echte Nomadentum ist seit langem verschwunden und hat nur noch in einigen Regionen Afrikas und Asiens überlebt. In den Alpen hat sich dagegen die Transhumanz als „Ästivation“, oder auch „Sommerweide“ erhalten – eine reduzierte Form des Nomadentums, bei der die Herden periodisch auf denselben Routen hin- und zurückwandern. Seit dem letzten Jahrhundert ist die Zahl der Wanderherden stark zurückgegangen, aber in bestimmten Alpentälern und in mehreren europäischen Ländern, vor allem in Spanien, Rumänien, Frankreich und Italien, wandern immer noch Tausende von Schafen auf alten Routen, auch dank der Unterstützung der EU.
Ich denke dabei an die „Canadas real“ oder „Lligallos“, wie sie in Katalonien genannt werden, die in Spanien von König Alfons von Aragon im 15. Jahrhundert eingeführt wurden und immer noch weitgehend in Betrieb sind, mit einem insgesamt über 120.000 km langen Netz von Schafswegen, das als öffentliches Gut gilt. Spanien ist das Land mit der größten Anzahl von Schafen in Europa (15 Millionen Stück!). In Rumänien, wo bis zu 10 Millionen Schafe leben, ist die Wanderschäferei in den Karpaten noch weit verbreitet: Sie folgt alten Routen von insgesamt 3.000 km Länge, die sich durch die Berge Siebenbürgens schlängeln. Hier verbringen die Hirten mit ihrer Herde den Sommer, während sie das Donaudelta zum Überwintern aufsuchen. In Südfrankreich pendeln zahlreiche Herden saisonal zwischen der Provence und den Seealpen, und die Route zwischen Arles und dem Sturatal erstreckt sich über 400 Kilometer. In Italien sind die Schafswege, die von Molise nach Apulien führen, mit einer Gesamtlänge von mehreren tausend Kilometern berühmt, auch wenn nur noch wenige von ihnen begangen werden. Ihr Alter ist durch zahlreiche Funde und archäologische Stätten belegt, die bis auf die Samniten zurückgehen, ein Volk, das im 6. Jh. v. Chr. in dieser Gegend lebte. Der römische Historiker Varro berichtet vor über 2.000 Jahren von seinen 700 Schafen, die den Herbst in Apulien verbringen. Er unterscheidet dabei bereits zwischen der Wanderschäferei (pastio in saltibus) und der Dauerweidehaltung (pastio in fundo).
Die historische Wanderschäferei, die in den Alpen eine gewisse Bedeutung hat, ist mit den Hirten aus Bergamo, den sogenannten „Tesini“, verbunden, die seit 1204 bezeugt sind. Sie zogen im Sommer nach Norden ins Engadin bis nach Chur und im Winter nach Süden in die Poebene bis nach Mantua und Cremona oder in die Gegend Oltrepò Pavese. Das Serianatal war das wichtigste Zentrum der Wanderschäfer, Parre war ihre Hauptstadt. Aus den Chroniken jener Zeit erfahren wir, dass es in diesem Tal jahrhundertelang mehr Schafe als Einwohner gab. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ging die Zahl der Schafe allmählich zurück und die blühende Wollindustrie, die erstmals 1248 schriftlich erwähnt wurde, wich der Seidenindustrie. Es ist durchaus interessant, dass die historische Beziehung zwischen Schafen und Hirten in den Tälern der Bergamasker Alpen noch heute lebendig ist. Tatsächlich wurde hier 2015 das Projekt „Pasturs“ gegründet – das sich inzwischen auch in anderen Alpenregionen etabliert hat –, um gemeinsam Lösungen für das Zusammenleben von Schäfern, Wölfen und Bären zu erarbeiten. Der Durchzug der Herden und die Dauer der Aufenthalte waren einst genau geregelt, wie wir zum Beispiel aus den Statuten der Gemeinde Bormio (Worms im Veltlin) erfahren, die von 1334 bis 1797 in Kraft waren. Für Zuwiderhandelnde gab es Bußgelder und sogar die Beschlagnahmung der Tiere, wenn sie sich weigerten zu zahlen; außerdem wurde jeder Wormser ermutigt, das Fehlverhalten der vorbeiziehenden Hirten anzuzeigen, indem ihm die Hälfte des Bußgeldes versprochen wurde!
Dann gab es noch jene Herden, die aus dem Gebiet von Belluno ins Trentino oder sogar ins Ultental zogen, sowie jene, die aus dem Fleimstal und Suganertal in die Venetische Ebene hinabstiegen und dem Lauf der Flüsse Piave oder Livenza folgend die Adria erreichten. Hierzulande müssen jene Herden erwähnt werden, die das Passeiertal am Jaufenpass auf 2.474 m Seehöhe überquerten. Bevor ich das Passeiertal verlasse, muss ich eine Episode erwähnen, von der auch der Ethnologe Siegfried de Rachewiltz berichtet: Im Jahr 1116 schenkte der als Mohr von Bayern bekannte Herzog Heinrich IX den Bauern dieses Tals anlässlich der Kirchweihe von St. Leonhard 200 Schafe! Was war der Grund? Wollte er die Viehzucht fördern oder doch eher die Bewohner dieses Tales, durch das eine wichtige transalpine Verbindungsstraße führte, im Tal halten? Wir dürfen nicht vergessen, dass Tirol damals noch keine politische Einheit war, sondern zum Erzherzogtum Bayern gehörte. Damals wurde es als „Land im Gebirge“ bezeichnet. Erst ab 1248 wird es als „dominium comitis Tyrolis“ erwähnt und unter dem Namen „Tiralli“ sogar in der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri erwähnt!
Des Weiteren gab es noch jene Herden, die von Welschnofen über den Karerpass zu den Weiden im Fleimstal zogen. Eine weitere Transhumanz, oder Sommerweide, die zumindest aufgrund der erreichten Höhe und der Anzahl der Tiere erwähnenswert ist, führt vom Langtauferer Tal in Südtirol über das Weißseejoch in 3.046 m Höhe zu den Weiden im Kaunertal in Österreich. Vor einigen Jahren waren es noch 1.400 Schafe, heute sind es nur noch etwa 800. Diese Form der Wanderschäferei zu festen Zeiten und an festen Orten überlebt bis heute dank präziser Regeln, die im Laufe der Jahrhunderte kodifiziert und aktualisiert wurden.
Das Thema ist umfangreich und in zahlreichen Gemeinden im gesamten Alpenraum gut dokumentiert. Daraus geht hervor, dass die Hirten oft Familien angehören, die dieses schwierige Handwerk seit Generationen ausüben und das Wissen stets weitergaben. Ein guter Hirte muss nicht nur die Wege, Rechte und Pflichten genau kennen, sondern auch in der Lage sein, Wetterumschwünge vorherzusehen, die in den Bergen den Marsch dramatisch beenden können, wie die zahlreichen Votivgaben in zahlreichen Kirchen und Kapellen entlang der Transhumanz-Routen zeigen. Der Hirte muss auch wissen, wie er die Tiere versorgen kann, und natürlich muss er auch auf sich selbst aufpassen. Deshalb sagt man, dass es länger dauert, einen guten Hirten auszubilden als einen Arzt! Es ist kein Zufall, dass es unzählige volkstümliche Sprüche und Sprichwörter gibt, in denen Schafe und Hirten vorkommen: ein Klick im Internet genügt, um dies festzustellen.
In den Alpen werden noch immer Schaf- und Hirtenbräuche gefeiert, von denen ich drei dokumentieren konnte. In Virgen in Osttirol findet jedes Jahr am zweiten Freitag nach Ostern eine stimmungsvolle Zeremonie statt, bei der ein mit bunten Bändern geschmückter Ziegenbock in die Kirche gebracht und um den Altar getrieben wird, wo er die Sünden aller Anwesenden auf sich nimmt, um dann als Sündenbock nach draußen gebracht und versteigert zu werden. Früher wurde der Bock tatsächlich geopfert und sein gekochtes Fleisch an die Armen verteilt. In Worms in Veltlin (Bormio), ist es Brauch, zur Ostermesse mit neugeborenen Lämmern auf dem Schoß in die Kirche zu gehen, die zusammen mit dem zuvor zu Hause zubereiteten Schafsbraten gesegnet werden.
In Mendatica im ligurischen Hinterland gehen Schafe und Hirten zur Weihnachtsmesse in die Kirche! Es gibt verschiedene Formen der Herdenführung: In einigen Fällen sind die Hirten auch Eigentümer der Schafe und erzielen ihren Gewinn aus dem Verkauf der Schafe und Lämmer und der Wolle; andere führen die Herde im Auftrag verschiedenster Eigentümer, von denen sie am Ende der Saison bezahlt werden, zudem gibt es Mischformen zwischen Eigentümern und freien Hirten.
Das Thema ist, wie schon erwähnt, umfangreich und sprengt den Rahmen dieser Recherche, die sich hauptsächlich mit der Transhumanz von Schafen aus dem Vinschgau und dem Schnalstal in Südtirol ins österreichische Ötztal beschäftigt. Hier findet seit mehr als einem halben Jahrtausend, wie aus verschiedenen schriftlichen Quellen hervorgeht, alljährlich die höchstgelegene Transhumanz Europas statt. Bis heute werden rund 3.000 Schafe über den Alpenhauptkamm geführt; sie überwinden insgesamt 3.000 Höhenmeter und überqueren dabei immer kleiner werdende Gletscher, die das Schnalstal in Südtirol mit dem Ötztal in Österreich verbinden. Hier stellt sich jedoch ein Problem: Ist es in diesem Fall angemessen, den Begriff Transhumanz zu verwenden? Die Schafe gelangen nach einer dreitägigen, kräftezehrenden Wanderung auf die Sommerweide, wo sie dann den ganzen Sommer über bleiben. Die korrekte Bezeichnung wäre also: Sommerweide oder Sommeralm. So definiert sich die Praxis, dass die Schafe etwa drei Monate im Jahr auf hochgelegene Almen gebracht werden, während sie den Rest des Jahres in der Nähe ihrer Ursprungsbetriebe verbringen und in den Wintermonaten in Ställen untergebracht sind, wo sie mit dem im Sommer geernteten Heu gefüttert werden. Manch einer beharrt auch darauf, zwischen vertikaler und horizontaler Wandertierhaltung zu unterscheiden. Ich möchte den Streit um die korrekte Bezeichnung nicht weiter vertiefen, sondern stattdessen über diese ungewöhnliche Wandertierhaltung berichten.


Weidewirtschaft im Schnalstal
Die älteste uns bekannte Urkunde stammt aus dem Jahr 1415, ist in lateinischer Sprache verfasst und spricht von einer Vereinbarung zwischen den Bauern von Schnals und jenen von Vent über den Kauf von Weideland im oberen Ötztal. In dieser sehr detaillierten Urkunde, in der oft wiederholt wird, dass sie für die Gegenwart, aber auch für „eorum heredibus et successoribus“ verfasst wurde, werden Toponyme verwendet, um die genauen Grenzen festzulegen, die mit geringfügigen Abweichungen auch heute noch bekannt sind, wie z.B.: der Ach Bach, heute Ache, die Romalspitze, heute Ramolkogel, oder „lapidem concavum vulgariter Hollenstain“, heute Hohlerstein.
Im Jahr 1434 werden in einer weiteren, in deutscher Sprache verfassten Urkunde einige Punkte geklärt, die vor allem die Bauern von Rofen und Vent betreffen, deren Land ursprünglich nur aus Almen bestand. Die frühere Vereinbarung wird jedoch noch einmal bestätigt, indem den Schnalser Hirten das Recht eingeräumt wird, bei anhaltendem Schneefall in den Höhenlagen weiter hinunter, d. h. auf das Land der Venter Bauern, abzusteigen (Schneefluchtrecht), ein Recht, das zuletzt 1987 in Anspruch genommen wurde! Vent (Vend) wird 1241 erstmals erwähnt, aber es wurde darin nicht angegeben, ob es sich um einen einzelnen Hof oder mehrere handelte. 1295 wird in einem Herbarium von Schloss Tirol „ein hof in Vende ze Rouen“ erwähnt. Damit ist die Entwicklung eines Schwaighofs in der Schnalstaler Gegend, die innerhalb eines Jahrhunderts zu einer autonomen Gemeinde und später zu einer Stadtgemeinde wurde, gut dokumentiert.
Im Jahr 1337 werden erstmals vier Höfe in Vent erwähnt, welche Abgaben an das Kloster Steingaden in Bayern, an das Kartäuserkloster im Schnalstal sowie an die Herren von Annenberg (Vinschgau) bzw. an die Kirche Unserer Lieben Frau im Schnalstal zu leisten hatten.
Es gibt weitere Dokumente aus den Jahren 1502, 1536 usw., die die komplexe und heikle ursprüngliche Vereinbarung weiter regeln. Die Weiderechte im Niedertal gehören 21 Bauernhöfen im Schnalstal, die derzeit eine Gesamtfläche von ca. 6.000 Hektar bewirtschaften.
Diese sind insgesamt in 1.665 Quoten aufgeteilt, die wiederum den einzelnen Betrieben zugeordnet sind, z.B. gehören 111 Quoten dem Betrieb Gurschler und 76 dem Betrieb Obergamp. Diese Quoten sind vergleichbar mit den Tausendsteln, die heute den Eigentümern eines Gebäudes zugewiesen werden, und dienen der Aufteilung der Bewirtschaftungskosten (Hirten, Salz usw.) und natürlich der Aufteilung des eventuellen Gewinns, der jedem „Quoteninhaber“ zugewiesen wird. Das Einkommen ergibt sich aus der „Maut“, die von Schafen aus Betrieben oder Gemeinden, die nicht Miteigentümer der Alm sind, erhoben wird.
Im Laufe der Jahrhunderte gab es immer wieder Schwankungen in der Anzahl der verladenen Tiere und deren Herkunft. 1800 weideten beispielsweise nur 400 Schafe aus dem Schnalstal im Niedertal, 750 aus Kortsch, 300 aus Schlanders, 200 aus Naturns und 250 aus Laas, insgesamt also 1.900 Tiere! Im Jahr 1915 waren es nur noch 945 Schafe, von denen 686 aus anderen Gemeinden stammten! Klaus Fischer berichtet, dass im Jahr 1800 rund 4.000 Schafe im Schnalstal weideten, die Zahl der Schafe im Jahr 1900 auf 2.546 sank und 1966 wieder auf 4.600 anstieg, wovon nur mehr ein Viertel von einheimischen Bauern stammte. Offensichtlich gab es im Laufe der Zeit immer wieder Schwankungen der Anzahl der Tiere, bedingt durch die Marktnachfrage, das sinkende oder steigende Interesse an der Schafhaltung und andere Faktoren.
Die Weiderechte im Rofental gehören 11 Betrieben mit insgesamt 945 Anteilen (davon gehörten z.B. 153 zum Tumlhof und 86 zum Gurschlhof). Ursprünglich wurden nur die Schafe der Schnalser Bauern hinaufgetrieben, aber im Laufe der Zeit, als die Zahl der Tiere im Tal allmählich abnahm, versuchten die Inhaber der Weiderechte, Bauern aus den Nachbardörfern zu gewinnen, indem sie sie überzeugten, ihnen die Schafe für die Sommerzeit, die sie in den Höhenlagen verbringen sollten, anzuvertrauen; natürlich gegen eine Gebühr (1952 wurden 550 Lire pro Tier gezahlt). Auf diese Weise konnten die Bauern in den tieferen Lagen mehr Vieh auf den freien Weiden aufziehen, was zu höheren Einnahmen führte. Dies führte dazu, dass heute etwa 2/3 des gesamten Weideviehs aus anderen Gemeinden stammen. Außerdem hatten bereits 1357 einige Bauern im Schnalstal, um ihre saisonalen Weideflächen zu erweitern, eine weitere Vereinbarung mit den Meranern getroffen, um ihre Schafe weiden zu lassen: vom 17. März (St. Gertruden) bis zum 23. April (St. Georgen) für insgesamt 38 Tage („gemein und nachperschaft dess Thalss Snalss von s. Gertruden tag in der vaste an unnz s. Goergentag danach“). Der Vertrag sah eine Höchstzahl von 400 Schafen in den Feuchtgebieten zwischen Algund und dem Küchelberg vor. Der Vertrag sollte eine bedeutende Einnahmequelle für die Gemeinde Meran darstellen, denn in den Chroniken der damaligen Zeit wird berichtet, dass der Bürgermeister selbst die Schafe zählte.
Doch als sich die Schnalser Bauern nach mehreren Hochwassern der Etsch, wie jenen verheerenden in den Jahren 1590 und 1595, weigerten, sich an den Arbeiten oder an den Kosten für die Instandsetzung der beschädigten Ufer, an denen sich die Weiden entlangzogen, zu beteiligen, wurden sie vor Gericht geladen und die Streitigkeiten gingen weiter. Mindestens achtmal wurde der Vertrag von den Meraner Bürgern angefochten, aber ebenso oft von der Obrigkeit bestätigt, vielleicht auch deshalb, weil sich die Schnalser mehrmals tapfer geschlagen hatten und dies am Wiener Hof sehr geschätzt wurde.
Maria Theresia von Österreich war es, die 1743 zum letzten Mal das Weiderecht bestätigte, das schließlich 1769 erlosch. Rechnet man diese Weidetage zu den im Ötztal erworbenen hinzu, so konnten die Schafe der Schnalser Bauern etwa viereinhalb Monate außerhalb des Tales weiden, wodurch in den Sommermonaten mehr Heu geerntet werden konnte als für die langen Wintermonate benötigt wurde. Die Schafe dienten dann zusammen mit Schweinen, Käse und anderem als Abgabe an den Meraner Hof und später an den Innsbrucker Hof, der nach 1420 zur Hauptstadt Tirols wurde. Zur Zeit Meinhards II. in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bestand etwa ein Drittel der Einnahmen des Hofes aus Lebensmitteln und nur ein Achtel aus Abgaben in bar! Schafsfleisch, vor allem das von kastrierten Tieren, war so begehrt, dass in einem von Meinhard unterzeichneten Schreiben aus dem Jahr 1288 festgelegt wurde, dass nur die Schnalser es auf dem Markt in Glurns verkaufen durften, wobei die Herkunft angegeben werden musste (eine echte Bezeichnung für kontrollierte Herkunft ante litteram).
Außerdem wissen wir, dass im Jahr 1316 anlässlich der Hochzeit von Heinrich von Kärnten und Tirol, dem Sohn von Meinhard II., mit Adelheid von Braunschweig in Innsbruck nicht weniger als 69 Ochsen, 357 Schweine und 252 Schafe zubereitet wurden! Man kann sich vorstellen, welche Tierherden auf der Burg eintrafen. Vielfach kamen sie von Bauernhöfen, die mehrere Tagesmärsche entfernt lagen! Die Schafe ermöglichten auch das Sammeln und Verarbeiten von Wolle, die bald zum wertvollsten Exportgut des Schnalstales wurde, sodass 1838 noch 14 Weber im Geschäft waren und 1850 ganze 39 Handwerkerfamilien in Karthaus im Schnalstal lebten. Das Karthäuser Kloster war inzwischen von den Mönchen verlassen und in „Eigentumswohnungen“ umgewandelt worden. Hier waren acht Weber, deren letzter bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs tätig war. Noch vor 60 Jahren wurde 1 kg Wolle gegen 1 kg Fleisch oder 1 kg Honig getauscht! Nach dem Scheren und Waschen wurde die Wolle kardiert, gesponnen und gewebt, dann wurden die Wolltücher in Walkmühlen zu Filz und Loden gepresst und geschlagen, jenem Stoff, der bereits im 9. Jahrhundert erwähnt wurde und nicht nur in Tirol zu den beliebtesten zählte. 1894 trug Kaiser Franz Joseph einen weißen Loden, der auch bei Adel und Bürgertum in Mode kam. In einer Urkunde aus dem Jahr 1807 heißt es, dass „Kastelbell, Sarntal und Schnalstal den besten Loden in Tirol erzeugen“.

Die Schnalser „Elle“
Wie der berühmte Historiker Fernand Braudel feststellte, war die Wollverarbeitung die älteste Form der Industrialisierung. Der Loden aus dem Schnalstal war aber schon vorher so begehrt, dass er ab 1354 mit dem Schnalser „Arm“ als Maß (i.e. Schnalser „Elle“) gemessen und verkauft wurde, ein wahrhaft seltenes Privileg. Die Nachfrage nach diesem Qualitätsprodukt war so groß, dass die Weber im Schnalstal lange Zeit gezwungen waren, Wolle aus vielen Dörfern im Vinschgau zu kaufen, um den Bedarf zu decken. Vielleicht ist deshalb der Spruch „die Schnalser haben tiefe Taschen“ entstanden, wahrscheinlich in Anspielung auf die tiefen Taschen voller Münzen, mit denen sie auf die Märkte gingen, um ihre Einkäufe zu tätigen! Vor dem Loden gab es den Filz, der bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. erwähnt wird und mit dem sich die Bergbewohner kleideten. Er wurde aus kardierter Wolle hergestellt, aber nicht gewebt, sondern einfach geschlagen, eingeweicht und zu wasserdichten, festen Stücken gepresst. Die Legende führt ihre „Erfindung“ auf den heiligen Jakobus zurück.
Es ist schwierig, den Beginn der Weidetätigkeit im Schnalstal mit Sicherheit festzustellen; bestimmte archäologische Funde, auch in höheren Lagen, zeugen von der Anwesenheit des Menschen zu bestimmten Jahreszeiten, zumindest am Südhang (Tiesental, Finailtal, Fallerbach, Maneid, Ganglegg), wo neben Pollen, die auf eine vielleicht nur gelegentliche Weidetätigkeit ab 5.000 v. Chr. hinweisen, halbbearbeitete Feuersteine, Spindelformen, Keramikfragmente und Schafsknochen mit Votivgravuren aus mehreren Jahrtausenden gefunden wurden. Aber auch auf der anderen Seite der Alpen (Kaser, Hohlenstein oberhalb von Vent, Gurglalm, Obergurgl/Beilstein oder der Brunnenboden oberhalb von Rofen) wurden Spuren von Weidefeuern aus dem Jahr 4.300 v. Chr. entdeckt sowie Funde aus verschiedenen Epochen, vom Mesolithikum bis zur Römerzeit, zutage gefördert. Aus der Jungsteinzeit oder der Kupferzeit – der Zeit von Ötzi (vor 5 300 Jahren) – gibt es jedoch bisher keine Hinweise auf dauerhafte Siedlungen.

Ötzi der Mann aus dem Eis
Die zufällige Entdeckung des „Mannes aus dem Eis“– gemeinhin als Ötzi bezeichnet – im Jahr 1991 am Tisenjoch an der Grenze zwischen dem Schnalstal und dem Ötztal, hatte die Frage aufgeworfen, ob es sich bei ihm um einen Hirten handelte. Zu den zahlreichen Gegenständen, die bei ihm gefunden wurden, gehört neben Waffen und verschiedenen Artefakten auch seine Kleidung, die zum Teil aus Ziegenfellen gefertigt worden war. Was jedoch Spekulationen darüber zulässt, ob er und sein Volk bereits Schafzucht betrieben, ist der Fundort selbst. In einem Brief aus dem Jahr 1821, der im Pfarrarchiv von Unser Frau in Schnals aufbewahrt wird, beschreibt der Pfarrer Joseph Ladurner einem Freund aus Meran detailliert den Weg, den er zu bestimmten Anlässen nehmen muss, um die Messe in Vent zu feiern (denn, wie wir später sehen werden, wurden die Seelen der Gläubigen im oberen Ötztal lange Zeit vom Schnalstal aus betreut). In diesem Brief schreibt der Pfarrer: „… der Weg von Unser Frau in Schnals nach Vent führt östlich des Niederjoch auf dem Gletscher links des Similaun weiter. Zuerst braucht man drei anstrengende Stunden, um den Gletscher zu erreichen, der von der Kirche Unser Frau in Schnals aus sichtbar ist. Die Überquerung dauert eine Stunde und von der Gletschermündung bis zur Kirche St. Jakob in Vent sind es weitere drei Stunden. Vom Gehöft Gamper aus sind es also insgesamt sieben Stunden steiler Wanderung auf dem anspruchsvollen Weg, der nur von Ende Mai bis Ende September begehbar ist…“.
So erfahren wir, dass man vom damaligen Niederjoch, davor Schnalserjoch, heute Tisenjoch genannt, die Kirche Unser Frau in Schnals sehen konnte. Heute ist dies nicht mehr möglich, denn mit dem Bau der Similaunhütte im Jahr 1899 wurde der Wegverlauf und damit der Name des Jochs weiter nach Süden verlegt! Die Stelle, an der Ötzi gefunden wurde, entspricht hingegen genau dem alten, vom Pfarrer beschriebenen Weg und wurde bis dahin für die Transhumanz der Schafe genutzt! 1997 wurde ein Axtstiel aus der Zeit um 2.700 v. Chr. nur wenige Schritte vom Tisenjoch (3.240 m) entfernt gefunden, wo Ötzi gefunden worden war. 500 Jahre nach ihm war also noch jemand auf diesem Weg unterwegs!
Im Jahr 2003 wurde auf dem Gurglereisjoch (3.134 m) im Pfossental – ebendort, wo bis 1963 dank des Rückzugs der Gletscher die Schafe vorbeizogen – ein sehr gut erhaltener Schneeschuh aus Birkenholz gefunden, dessen C14-Datierung auf etwa 5.800 Jahre zurückgeht! Bei späteren Ausgrabungsarbeiten kamen auch die Überreste eines mittelalterlichen Schlittens und andere Artefakte zum Vorschein, die die kontinuierliche Nutzung dieses Passes bestätigen. In der Nähe des Taschljöchl, der das obere Schnalstal mit dem Schlandrauntal und damit mit dem Vinschgau verbindet, wurde unter anderem ein Zapfen aus der Bronzezeit gefunden: Über dieses Joch ziehen seit jeher die Herden. Sowohl im Tisental an der sogenannten Schnecke als auch auf der Jochwiese oder im Finailtal wurden Überreste von Siedlungen, Kultstätten und Artefakte entdeckt und dokumentiert, die von menschlicher Aktivität in den letzten Jahrtausenden zeugen.
Im Jahr 2011 entdeckte ein deutsches Touristenpaar in der Nähe des Langgrubjochs auf rund 3.000 Metern Höhe hölzerne Artefakte. Ein Team von Archäologen untersuchte daraufhin das Gebiet und analysierte die Funde, die auf etwa 2.500 Jahre vor Christus zurückgehen. Vielleicht zogen hier auch Menschen, warum nicht Hirten, durch, die aus dem Masiatal und damit aus dem oberen Vinschgau nach Kurzras und dann weiter nach Norden zogen. Lauter Zufälle?
Diese Funde tragen also entscheidend dazu bei, die Hypothese der Kontinuität in der Nutzung dieser Wege, die auch heute noch von Hirten und ihren Herden frequentiert werden, zu festigen, auch wenn nicht mit Sicherheit bewiesen werden kann, dass bereits zur Zeit von Ötzi eine regelmäßige transhumante Weidetätigkeit ausgeübt wurde. Auf jeden Fall sind bisher keine Spuren gefunden worden, die eine dauerhafte Besiedlung dieses Tals in prähistorischer Zeit belegen. Es gibt Stätten, die auf die Bronzezeit zurückgehen, aber die Interpretation der Funde tendiert dazu, sie als vorübergehend und in einigen Fällen als Kultstätten einzustufen, wie die im Finailtal, aus der sehr seltene Bernstein- und Glasperlenartefakte ans Licht gekommen sind, oder die im Maneidtal, wo bis vor kurzem Schafe durchzogen. Vielleicht stiegen die Männer auch saisonal auf den Berg, um zu jagen, und einige Artefakte, wie Ötzis Pfeil und Bogen, zeugen von einer wahrscheinlichen Jagdaktivität.
Die jüngste Entdeckung, chronologisch gesehen, ist die außergewöhnliche Entdeckung der Überreste eines Dutzend Steinböcke in den Ötztaler Alpen auf dem Lodner (2022), die etwa 7.000 Jahre alt sind! Doch kehren wir in die jüngere Vergangenheit zurück und nehmen die Erforschung der Ursprünge der dauerhaften menschlichen Präsenz und damit der späteren Wandertierhaltung im Schnalstal wieder auf, wobei wir mit den frühesten verfügbaren schriftlichen Dokumenten beginnen.
Zu den ältesten Erwähnungen einer Siedlung im Schnalstal gehört der Tumlhof aus dem Jahr 1230, der Eishof wird erstmals in einer Urkunde aus dem Jahr 1290 erwähnt und noch später im Jahr 1346, wo es heißt „… conrad der smid von eise…“, also der Schmied des Eishofs. Ja, aber was sollte ein Schmied an einem so abgelegenen Ort tun? Vielleicht beschlägt er Pferde und zeugt so von der starken Frequentierung dieses heute abgelegenen Tals. Die Erforschung der Wanderschäferei kann zu interessanten und unerwarteten Entdeckungen führen, die scheinbar nichts mit dem Durchzug von Schafen zu tun haben.
Um beim Thema Schmiede zu bleiben, erinnere ich mich an das Zitat von Josia Simmler, der in seinem De Alpibus Commentarius von 1574 die Geschicklichkeit der alpinen Schmiede bei der Herstellung von Steigeisen erwähnt, die auch zur Heugewinnung auf besonders steilen Wiesen verwendet wurden. Um aber in die jüngere Vergangenheit zurückzugehen und im Untersuchungsgebiet dieser Untersuchung zu bleiben, erinnere ich mich, wie die Fotografin und Anthropologin Erika Hubatschek in einer ihrer Reportagen in unserer Region den „Rofner Schmied“ des Gehöfts Rofen erwähnt, der noch in den 1930er Jahren von den Bergsteigern begehrte Eispickel herstellte. Im Jahr 1394 wird der Marchegghof erwähnt, und nach und nach entstanden innerhalb von eineinhalb Jahrhunderten fast ein Dutzend Höfe auf zweitausend Metern Höhe.

Kartäuserklosters Vertrag
Aus dem Jahr 1361 gibt es einen Vertrag des Kartäuserklosters, der vom Richter von Kastelbell verfasst wurde und in dem die Bauern der Höfe Tuesener, Vyneil, Rofein, Mayer und Mastaun aufgefordert werden, dafür zu sorgen, dass ihre Tiere auf ihren Bergen weiden („sollen in iren Berg damit bleiben“). Ein Hinweis, der sich auf historische Fakten stützt und die gängige Praxis in der Viehzucht bestätigen würde. Wir wissen, dass die lokalen Herren des Mittelalters die Besiedlung der höheren Lagen vorantrieben und unterstützten, um ihr Einkommen zu steigern. In der Tat waren die niedrigeren Lagen bereits weitgehend kolonisiert, so dass sich die Bauern auf die rentablere Viehzucht und damit auch auf die Herstellung von Milchprodukten oder den Getreideanbau konzentrieren konnten. Ab einer bestimmten Höhenlage waren die kargen und steilen Weiden jedoch nicht mehr für Rinder geeignet (es wurde errechnet, dass ein Rind im Durchschnitt siebenmal so viel Futter benötigt wie ein Schaf), so dass man sich hauptsächlich auf weniger anspruchsvolle Tiere wie Schafe und Ziegen konzentrieren musste. Damit war die Idee der „extremen“ Schweighöfe geboren. Der Begriff leitet sich von dem altdeutschen Wort Schweig ab, das Herde bedeutet. Diese „extremen“ Betriebe spezialisierten sich auf die Erzeugung von Schafsmilch und deren Folgeprodukten. In diesen Fällen stellten die örtlichen Grundherren den Bauern Holz für den Bau der Behausungen, eine bestimmte Anzahl von fünf oder sechs Rindern, einige Ziegen und 20 oder 30 Schafe zur Verfügung, die sich auf natürliche Weise vermehrten und das Kapital vermehrten, um sie zum Leben in dieser schwierigen Situation zu bewegen.


Ziegenmilch ist sehr bekömmlich
Im Gegenzug mussten sie dem Hof jährlich eine bestimmte Menge an Milchprodukten, Häuten und Schafen liefern, deren Fleisch sehr geschätzt wurde. Aus den Rechnungsbüchern geht hervor, dass ein Hochgebirgsbauernhof im Durchschnitt bis zu 300 Kilo Käse pro Jahr lieferte. Bevor ich jedoch auf die Schafe zu sprechen komme, möchte ich kurz auf die Ziegen eingehen, die zwar nie eine wichtige Rolle in der Wirtschaft dieser Täler gespielt haben, aber bei der Durchquerung oft anwesend sind, wenn auch in bescheidener Zahl. Ziegenmilch ist nämlich sehr bekömmlich, so dass jeder Hirte mindestens eine Ziege mitbrachte, die ihn täglich mit Milch versorgte. Ziegen kommen auch mit weniger reichen Weiden aus, klettern fast überall hin und fressen sogar die Rinde junger Bäume, und vielleicht haben sie gerade wegen dieser Eigenschaft bei den Bergbauern nie viel Sympathie gefunden, weil sie in den Ziegen eine Gefahr für das Wachstum des Waldes sahen!
Viele dieser Höfe wurden inzwischen aufgegeben oder sind zu saisonalen Almen geworden, wie der Metzlaun Hof auf 2.033 m und die Eishöfe im Pfossental, der auf 2.071 m liegt und bereits 1290 erwähnt wurde und bis 1897 ganzjährig bewohnt war. Aus dem Buch „Der Verbothene Steig“ des Pfarrers Ladurner erfahren wir, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jeder Hof im Schnalstal durchschnittlich 60 bis 100 Schafe züchtete, von denen ein Teil im Frühjahr an Bauern im Passeiertal als Schlachttiere und im Herbst an Bauern im Ötztal als Zuchttiere verkauft wurde. Wir wissen auch, dass es von etwa 1600 bis 1850 eine „Kleine Eiszeit“ im Alpenraum gab, die mit dem Anwachsen der Gletscher und dem Absinken der Durchschnittstemperaturen einherging, Faktoren, die sicherlich die Aufgabe bestimmter Höfe in höheren Lagen beeinflussten.

Friedrich mit den leeren Taschen
Vielleicht stammen die zahlreichen Legenden, die in verschiedenen Varianten dieselbe Geschichte erzählen, aus dieser Zeit: Es gibt blühende Siedlungen oder Almen, in denen sich arme Fremde einfinden und um Gastfreundschaft bitten. Als die Bewohner ablehnen, ziehen sie mit einem Fluch ab, und kurz darauf beginnt es unerbittlich zu schneien und die Siedlung verschwindet unter der Frostdecke! Viele der seit Jahrhunderten mündlich überlieferten und im letzten Jahrhundert niedergeschriebenen Sagen handeln von den Bewohnern des Schnalstals und des Venter Tals, und in vielen von ihnen ist von Schafen und Hirten die Rede. Der berühmteste unter ihnen ist ohne Zweifel „Friedrich mit der leeren Tasche“ – keine Sagengestalt, sondern Friedrich IV., Herzog von Österreich, der einst in Ungnade fiel, 1416 fliehen und sich auf den Höfen Rofen und Finail verstecken musste, wo er Schafe hütete, bis es ihm gelang, wieder an die Macht zu kommen. Das Schaf lieferte nicht nur Fleisch, Milch und Wolle, so wurden etwa Saiten für Musikinstrumente aus seinen Därmen hergestellt; seine nach allen Regeln der Kunst verarbeitete Haut ersetzte das Glas für die kleinen Fenster der Bauernhäuser oder wurde zu Pergament verarbeitet, einem begehrten Material für die Klöster, in denen alte Texte für die Bibliotheken der Herren von Hand abgeschrieben wurden und auf denen Verträge und Vereinbarungen, die auch „unsere“ Schafe betrafen, niedergeschrieben wurden und bis heute überliefert sind. Mit dem Aufkommen des Buchdrucks und der damit einhergehenden Verwendung von Papier ging die Nachfrage nach Pergament zurück, aber wir wissen, dass Johannes Gutenberg, als er 1452 die erste Bibel druckte, 150 Kopien auf Papier und sogar 30 auf Pergament anfertigte, und wenn man bedenkt, dass Tausende von Seiten benötigt wurden, kann man sich vorstellen, wie viele Schafe ihre Felle lassen mussten!
Dann gibt es noch das in der Wolle enthaltene Lanolin, das für Kosmetikprodukte verwendet wird. Und schließlich der Mist, der entscheidend zur Anreicherung des im allgemeinen armen Weidelandes beitrug und von den Besitzern der Ländereien entlang der Schafswege als Belohnung akzeptiert und anerkannt wurde, wenn eine Herde für eine Nacht Halt machte. Über den Dung gibt es einen ungewöhnlichen, aber kuriosen Bericht aus der Feder von Erzherzog Johann von Habsburg, der sich oft in seinen geliebten Tiroler Bergen aufhielt. Am 7. Juli 1846 brach er von Vent aus über das Niederjoch nach Schnals auf. Vor seiner Abreise kaufte er einen weißen Wollmantel, für den er drei Gulden bezahlte und dessen Qualität er lobte. Der Tag war nicht der klarste, tiefhängende Wolken schränkten die Sicht ein und erschwerten die Orientierung (damals war der Weg noch nicht so gut ausgeschildert wie heute), aber er erreichte den Pass und stieg glücklich ins Schnalstal hinab. Hier übernachtete er und lobte in seinem Tagebuch den Charakter der Talbewohner, das vorzügliche Murmeltierfleisch, und er vergaß nicht, denjenigen, die denselben Weg gehen wollten, zu raten, den kleinen Mistkugeln zu folgen, die den Weg der Schafe und damit den sicheren Weg anzeigten!


Vende valli Snals
Es sei darauf hingewiesen, dass die in dieser Studie untersuchte Bergregion das Gebiet von Gemeinden umfasst, die bis 1919 zu Tirol gehörten und somit Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie waren. Die Berge stellten daher keine nationale Grenze dar, sondern waren vielmehr natürliche Barrieren, die den Übergang erschwerten. Mit dem Anschluss Südtirols an Italien wurde die Region zwischen Italien und Österreich aufgeteilt, aber mit dem Dekret Nr. 3 des Tiroler Gesetzes von 1924 wurde den Schnalser Bauern, deren Gebiet nunmehr in Italien lag, das Eigentum an den österreichischen Almen jenseits der Grenze bestätigt.
Das heutige Gebiet der Gemeinde Schnals umfasst eine Fläche von 210 Quadratkilometern und ist nach Sarntal und Mals die drittgrößte Gemeinde der Provinz Bozen. Sie bezeichnet das gleichnamige, etwa 25 Kilometer lange Tal, das sich vom Vinschgau abzweigt. Der tiefste Punkt liegt in der Nähe des Gehöfts von Altratheis auf 840 Metern Seehöhe, der höchste Punkt ist der Gipfel Hintere Schwärze auf 3.624 Metern. Entlang der Strecke liegen mehrere kleinere Seitentäler im Gemeindegebiet, von denen einige zumindest teilweise zum Naturpark Texelgruppe gehören. In diesen Tälern befinden sich einige der höchstgelegenen Bauernhöfe der Ostalpen, die noch ganzjährig bewohnt sind. Und genau diese Höfe, die oft bis ins Mittelalter zurückreichen (die älteste Erwähnung stammt vom Tumlhof aus dem Jahr 1230), sind der historische Ursprung der Besiedlung des Schnalstals.
Ursprünglich waren es die Herren von Montalban, die in einer Urkunde aus dem Jahr 1273 als Herren von „Snalles“ und Lehnsherren der Grafen von Tirol erwähnt werden, die die ersten Ansiedlungen in der Höhe förderten. Vielleicht residierten sie in einer Burg oder einem Turm, der an der Stelle der heutigen Katharinenkirche stand, und waren Eigentümer der Höfe im Tal. Doch bereits um 1295 hatte Meinhard II. den Besitz erworben, die Familie war ausgestorben. Wir haben bereits über die Gründung der Schweighöfe gesprochen und wissen, dass es mindestens 105 Höfe im Tal gab.
Im Jahr 1326 unterstützte König Heinrich II., Herzog von Tirol, die Errichtung des Kartäuserklosters Allerheiligen, dem er zunächst eine Mitgift von acht Höfen schenkte, die die Mönche mit Lebensmitteln, Wolle, Bau- und Heizholz versorgen sollten. Im Laufe der Zeit erwarb das Kloster auch umfangreiche Fischereirechte entlang der Etsch bis hin zum See von St. Valentin auf der Haide in der Nähe des Reschenpasses sowie Weinberge und Gebäude bei Meran. Die Geschichte der Kartäusermönche prägte die Geschichte des gesamten Tales, und als das Kloster 1782 auf Anordnung von Kaiser Joseph aufgelöst wurde, gehörten ihm bereits zwei Drittel der Höfe im Schnalstal! Darüber hinaus besaß das Kloster auch nach unzähligen Prozessen gegen die Bauern von Kastelbell einen großen Teil des Penaudtals und der gleichnamigen Alm auf 2.316 m Höhe. Es ist daher nicht verwunderlich, dass während des Bauernaufstandes von 1525 das Kloster gestürmt wurde und die Bauern einen Großteil der im Archiv aufbewahrten Dokumente zerstörten, die die verschiedenen im Laufe der Jahre erworbenen Rechte bezeugten.
Doch in diesem Alpental spielen noch andere Geschichten eine Rolle. Bis 1572 gehörten acht Höfe im oberen Tal, d.h. vom heutigen Vernagter Stausee bis nach Kurzras, kirchlich gesehen zur Pfarrei Göflan (bei Schlanders), und um die Messe zu besuchen oder ihre Toten zu begraben, mussten die Gläubigen einen mehr als siebenstündigen Fußmarsch über das Taschljöchl und den Fallerbach zurücklegen. Es heißt, dass die Toten in den Wintermonaten auf dem Dachboden kühl aufbewahrt wurden, um das schöne Wetter abzuwarten, das die Überquerung des Jochs in 2.772 Metern Höhe erleichterte.
Und genau im Jahr 1572 erschienen die Vertreter der Bauern vor dem Richter Foelser und den Prälaten der Kirche St. Martin in Göflan und erklärten sich gegen Zahlung von fünf Gulden bereit, sich von dieser weit entfernten Kirche zu lösen und in die benachbarte Pfarrei Unser Frau einzugliedern, die bereits 1499 gegründet worden war.
Die älteste Erwähnung Vents stammt aus dem Jahr 1241 und spricht von einigen Extremhöfen, die Ulrich von Ulten gehörten. 1290 wird ein Hof in Rofen bei Vent erwähnt, der ab 1390 jährlich 200 Laibe Käse an den Hof in Meran liefern musste, der gut zehn Stunden Fußmarsch entfernt lag! In einer Urkunde aus dem Jahr 1342 taucht die Diktion „Vende valli Snals“, also Vent im Schnalstal, auf. Wir wissen auch, dass die vier Höfe, die die Gemeinde Vent im oberen Ötztal bildeten, der Gerichtsbarkeit des Gerichts Kastelbell, der Pfarrei Tschars und des Bistums Chur unterstanden. Aber noch im 17. Jahrhundert erwähnt Maximilian Hendl, Richter in Kastelbell, die Bewohner von Vent in einem Schreiben als Leute aus dem Schnalstal (… die Venter leit in Schnalss …). Ab 1499 waren sie auch mit der Pfarrei Unser Frau verbunden, die, wie wir bereits aus diesem Schreiben von 1821 erfahren haben, gut sieben Stunden Fußweg entfernt war. Das Jakobuskirchlein in Vent wurde 1502 erbaut.
Im Gegensatz zum Schnalstal, das nur 25 Kilometer lang ist, ist das Ötztal in Österreich über 60 Kilometer lang, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Bauern im oberen Tal das so „nahe“ gelegene Schnalstal bevorzugten, bis sie 1826 gegen ihren Willen der Gerichtsbarkeit von Silz im unteren Ötztal, mehr als zehn Stunden Fußmarsch entfernt, unterstellt wurden. Hinzu kam, dass das Ötztal oft überschwemmt oder durch Erdrutsche und Schlammlawinen unterbrochen war, was die Kommunikation nach unten erschwerte, während die Bewohner von Vent trotz der Höhenlage und der Gletscher die Beziehungen zum Schnalstal bevorzugten.
Das Dorf Vent wurde dann 1854 der Gemeinde Sölden angegliedert, die damit mit gut 468 Quadratkilometern die größte Gemeinde Österreichs wurde (doppelt so groß wie die Gemeinde Schnals)! In jenem Jahr lebten in Vent 74 Menschen, 6 Pferde, 80 Rinder, 235 Schafe und 75 Ziegen! Heute tummeln sich auf den Ötztaler Almen jeden Sommer durchschnittlich 10.000 Schafe, von denen die Hälfte aus Südtirol stammt!
Während die meisten Höfe im Schnalstal dem Kartäuserkloster gehörten, gehörte ein Gutteil der Höfe im oberen Ötztal dem Benediktinerkloster Frauenchiemsee in Bayern und den Zisterziensern von Kloster Stams. Die Höfe im Schnalstal, die von der sonnigen Südlage profitierten, produzierten vor allem Getreide, das sie teilweise an die Kartäuser lieferten. Die Bauern im Ötztal hingegen, die in einer feuchteren Klimazone lagen, mussten eine bestimmte Menge ihres berühmten Flachses an die Benediktinerinnen liefern, während der restliche Flachs, der wegen seiner Länge und Stärke sehr geschätzt wurde, in vielen Regionen Europas verkauft wurde, so dass er um 1800 an der Hamburger Börse notiert war und die Haupteinnahmequelle der Talbewohner darstellte.
Ein Bericht der Innsbrucker Handelskammer aus dem Jahr 1851 spricht von 168.000 Kilogramm Flachs, die im Ötztal produziert wurden! Franz Josef Gstrein datiert in einem interessanten Büchlein aus dem Jahr 1932 den Hanfanbau auf die Zeit um 1600 zurück, obwohl ihm keine genauen Unterlagen vorliegen, berichtet aber, dass aus einem Bericht aus dem Jahr 1619 hervorgeht, dass die Ötztaler Bauern dem Stift Stams nicht nur ein Kontingent an Getreide, sondern auch einen Sack Flachs pro Jahr schuldeten! Laut Gstrein verhinderte der Anbau dieses hochgeschätzten Produkts jahrhundertelang die Abwanderung aus diesem Tal.
Im Schnalstal hingegen war es der Loden, der für eine gute wirtschaftliche Grundlage sorgte, und bereits 1354 hatten die Weber in diesem Tal das Recht erhalten, ihr eigenes Maß zu verwenden. Kurzum, der Stoff und das Etikett änderten sich, aber die Geschichte ist immer die gleiche: Die Bauern waren verpflichtet, die verschiedenen Klöster und Herren mit ihren Produkten zu unterstützen.
Es ist vielleicht kurios, dass sogar in der Dauphiné in Frankreich die Hirten Durchgangsgebühren und Weidegebühren an die verschiedenen Klöster zahlen mussten: an die Kartäuser von Val Sainte-Marie de Bouvante, die Benediktiner von Montmajour oder die Zisterzienser von Valcroissan-Bonnevaux! Doch kehren wir zu unserer Region zurück, in der die Beziehungen zu unseren transalpinen Nachbarn stets eng waren und Ehen zwischen den Bewohnern der beiden Alpenseiten keine Seltenheit waren, was sich noch heute deutlich an den Namen der Verstorbenen auf den jeweiligen Friedhöfen ablesen lässt. Im Jahr 1861 zählte Vent 60 Einwohner.
Der Pfarrer Franz Senn sah das Elend, das dort herrschte, und versuchte, die Wirtschaft des kleinen Dorfes anzukurbeln, indem er sich auf das aufkommende Bergsteigergewerbe konzentrierte. Im Jahr 1865 veröffentlichte er im Jahrbuch des Österreichischen Alpenvereins den ersten „Bericht“ über die Transhumanz, der dieses Ereignis einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte. Darin spricht er von 1.800 Schafen und 80 Rindern aus dem Schnalstal. Er ließ daraufhin Panoramakarten anfertigen, um das Gebiet bekannt zu machen, und förderte den Bau eines Weges, der später zu einem Saumpfad wurde und über das untere Joch ins Schnalstal führte. Diese Arbeiten wurden dann 1886 von Serafin Gurschler, einem Bauern aus Kurzras, abgeschlossen und erweitert, der seinerseits die Entwicklung des Tourismus erkannt hatte und bereits Zimmer an Bergsteiger vermietete. Er war es auch, der 1886 und 1899 die Bellavista- und die Similaunhütte errichten ließ, in deren Nähe noch heute Herden vorbeiziehen. In der Zwischenzeit, d.h. 1875, hatte man endlich mit dem Bau der Straße vom Vinschgau durch die enge Schlucht das ganze Schnalstal hinauf begonnen, und erst 1956 erreichte sie endlich Kurzras!

Der bange Marsch
An den festgelegten Tagen machen sich die Herden aus den verschiedenen Gemeinden Südtirols auf den Weg ins Schnalstal, dem Mittelpunkt dieser spektakulären Transhumanz. Die Schafe werden desinfiziert und an den vereinbarten Orten zusammengetrieben, sie werden den Hirten anvertraut, aber in vielen Fällen begleiten sie auch die Besitzer, „nur um dabei zu sein“, wie mir viele von ihnen anvertraut haben!
Vor der Abreise müssen jedoch alle Schafe markiert werden, damit ihre Besitzer sie am Ende wiedererkennen und Streitigkeiten vermeiden können. Früher erfolgte die Kennzeichnung durch schräge Schnitte in die Ohrläppchen. Diese individuellen geometrischen „Figurenkombinationen“ wurden in ein Notizbuch gezeichnet und mit der Nummer des Tieres und dem Namen des Besitzers an der Seite versehen. Heutzutage wird an jedem Tier mit einer speziellen Zange ein Etikett mit dem europäischen Code angebracht, der die Herkunft angibt. Außerdem ist das Fell auf dem Rücken mit Farben markiert, die es ermöglichen, die Gemeinde des Schafes auch aus der Ferne zu erkennen.
Im Schnalstal lassen die Hirten und ihre Helfer am Tag vor dem Aufbruch zum Unteren Joch und zu den Sommerweiden oberhalb von Vent in der Kirche Unser Frau in Schnals eine Messe lesen. Die Kosten für die Feier werden in ihrem Rechnungsbuch genau festgehalten, und es ist vielleicht merkwürdig, dass in diesem Register mindestens vier Währungen aufgeführt sind: bis 1906 werden Gulden genannt, dann bis 1919 Zahlungen in Kronen, dann erscheinen Lire bis 1998, als sie durch den Euro ersetzt werden! Aus demselben Dokument erfahren wir zum Beispiel, dass am 25. September 1879 die Weidebesitzer von Niederthal zusammenkamen, um den Haushaltsplan für die gerade zu Ende gegangene Saison zu genehmigen. Die Einnahmen durch Schafe aus anderen Gemeinden beliefen sich auf 478 Gulden, während die Ausgaben 137 Gulden für den Kauf von Salz enthielten, das, wie wir wissen, regelmäßig an den bekannten Stellen zum Lecken der Schafe verteilt wurde, während sich die Gesamtvergütung der drei Hirten Sebastian Pinner, Nikodemus Manger und Josef Schlögl auf nur 89 Gulden belief.

Laas
In Laas halten rund 50 Bauern noch Schafe, manche nur zum Vergnügen. Insgesamt sind es derzeit rund 400 Schafe, die zusammen mit rund 100 aus Schluderns, 100 vom Noerdersberg und 200 vom Sonnenberg, eine Herde von knapp 1.000 Schafen bilden. Die Schafe von Hans Niedermair (Waldenthaler Hans), der zur Sonnenberger Gruppe gehörte, wurden „bevorzugt“ behandelt: Im Gegensatz zu seinen Dorfgenossen trieb er seine Schafe über den Hochjochferner ins Ofental, an einen Ort namens Hintereis, der seiner Meinung nach das beste Gras bot. Vor Jahren bestand die Herde aus bis zu 1.600 Schafen, die drei Tage brauchten, um die Sommerweide im Niedertal zu erreichen. Am ersten Tag kamen sie in Pernui auf 1.700 Metern Höhe an. Am nächsten Tag stiegen sie über die Kortscher Alm und das Taschljöchl zum Vernagter See ab, in dessen Nähe sie eine zweite Nacht verbrachten. Die dritte Etappe, vielleicht die anspruchsvollste, führt sie ins Tisental, wo sie traditionell in einem weiten Becken, dem so genannten Hauser, knapp oberhalb der so genannten Schnecke (auf etwa 2.400 m Höhe) eine Rast einlegen. Dann geht es weiter über eine ziemlich steile und felsige Strecke, die bei Schneefall sehr gefährlich werden kann, und nach der Überquerung des Niederjoches auf 3.008 Metern geht es hinunter nach Vent im Ötztal.
An der Grenze angekommen, zählten die Grenzbeamten die Schafe auf dem Hinweg und legten bei jedem zehnten einen Kieselstein auf einen flachen Felsen, über den ein „ungeschickter“ Hirte manchmal zufällig stolperte und auf diese Weise einen Kieselstein verschwinden ließ! Seit 2014 gibt es den Gletscherabschnitt nach der Similaunhütte nicht mehr, und so steigen wir gemütlich zum Ort Kaser ab, einer alten Kultstätte, von der einige megalithische Bauten zeugen, und zur Mutter-Anna-Quelle, deren Wasser die Fruchtbarkeit der Frauen fördern sollte. In einem „exklusiven“ Seitental namens Schalf weiden die Schafe von Elmar Horrer, von dem ich viele Informationen erhalten habe und der als Kind die Schafe von Laas begleitete und den ganzen Sommer mit ihnen in Kaser verbrachte.


Kortsch – Schlanders
Kortsch, ein Weiler von Schlanders, hat eine lange Tradition in der Schafzucht, wovon auch die Tatsache zeugt, dass die Pfarrkirche dem heiligen Johannes geweiht ist, der mit dem Lamm Gottes dargestellt ist, sowie das Altarbild mit den Figuren des heiligen Wendelin, eines Hirten und Einsiedlers, und des heiligen Ägidius, des Schutzpatrons der Hirten, dem auch eine kleine Kirche oberhalb des Dorfes geweiht ist, direkt an dem Weg, dem die Herden folgen, um das Schnalstal zu erreichen. Wir wissen, dass die Schafe von Kortsch vor etwa 150 Jahren den Sommer auf den Weiden der Lyfi-Alm im Martelltal verbrachten, und es ist die Rede von etwa 800 Schafen aus verschiedenen Gemeinden, wie in der Marteller Chronik von 1870 vermerkt. Um 1950 einigten sie sich dann mit den Schäfern aus dem Schnalstal auf die Nutzung der Weiden im Niedertal, und ab 1980 wechselten sie erneut ihr Ziel und weideten oberhalb von Rofen, wohin sie auch heute noch jedes Jahr gehen. Damals hatten die Kortscher Herden ihren Höchststand von rund 1.200 Tieren erreicht, heute sind es nur noch rund 400.
Im Gespräch mit Josef Telser (auch Oberdörfer Sepp genannt), einem 90-Jährigen, der sich seit seinem 10. Lebensjahr um die Herden kümmert und seit Jahren der Ansprechpartner des Dorfes in Sachen Schafe ist, erfährt man Interessantes und Kurioses, wie zum Beispiel, dass er und seine Kollegen um 1970 auf dem Sonnenberg, dem Berg oberhalb von Kortsch, etwa 15 zerfleischte Schafe fanden. Von Wölfen war damals noch nicht die Rede, und so erkannten sie, dass es sich bei den Tätern um zwei Hunde eines Bauern aus Allitz handelte, der für die großen Schäden verantwortlich war. Wie bereits erwähnt, gab es damals keine Wölfe in der Gegend, weil sie längst praktisch ausgerottet waren. Bereits in der Landesordnung Kaiser Maximilians I. von 1497 wurden Jäger aufgefordert, Wölfe und Bären zu töten, die Schäden an Haustieren anrichteten: Für jedes abgelieferte Fell erhielten die Jäger eine Geldbelohnung. Aus einem Dokument von 1812 geht hervor, dass zwischen Schlanders, Glurns und Mals nicht weniger als vier Kürschner ihre Tätigkeit ausübten! Aber auch spätere Dokumente, wie das von Kaiser Ferdinand I. aus dem Jahr 1526, wiederholen den Aufruf zur Jagd auf Wölfe, ein deutliches Zeichen dafür, dass sie ein Problem darstellten.
Natürlich war die Wildjagd dem Adel vorbehalten, aber wo es Wild gibt, gab es auch immer Wilderer, und in einem Edikt von 1737 verbot Kaiser Karl IV. den Hirten, Wilderer zu beherbergen, und schlug vor, Fallen für Wölfe zu bauen, und noch heute gibt es in der Mikrotoponomastik verschiedene Orte, die sich auf Wölfe und Bären beziehen (Wolfsgrub, Bärenstall usw.). In mehreren Vinschger Gemeinden berichten Ortschroniken von der Tötung von Wölfen durch Berufsjäger: 1668 zwei Wölfe in Schleis und vier in Mals, 1819 sieben Wölfe in Stilfs, zwei in Schlanders.
Aus dem Jahr 1870 wird ein ungewöhnliches Ereignis berichtet: Am 30. November, dem Andreastag, wurde der Bauer vom Hof Matatsch auf dem abendlichen Heimweg nach dem Besuch des großen Traditionsmarktes in Schlanders von einem einsamen Wolf angegriffen, den er zu Tode schlug! Schäden an den Herden werden jedoch nicht gemeldet oder erwähnt.
Die Schafe von Kortsch werden, nachdem sie den Winter im Stall oder auf den an den Hof angrenzenden Wiesen verbracht haben, am 25. April nach Schlarangele gebracht, wo sie gewaschen und desinfiziert werden, nachdem sie entweder mit Schnitten an den Ohren, die den Besitzer kennzeichnen, oder mit Farben auf dem Vlies, die die Gemeinde hervorheben, markiert wurden. Dann werden sie auf den Hängen des Sonnenberges geweidet, und zwar im Allgemeinen bis zur ersten Juniwoche, in der sie nach der Zusammenführung ins Schnalstal und dann ins Ötztal gebracht werden, wo sie bis zur ersten Septemberwoche weiden, bis sie nach zwei oder drei Tagen wieder zusammengeführt und nach Kortsch zurückgebracht werden.
Wie Karl Prieth erzählt, wird der Präsident des Ziegen- und Schafzuchtvereins, der derzeit 26 Mitglieder zählt, gewählt und bleibt drei Jahre lang im Amt. Sie züchten die Schafe aus Leidenschaft und nicht in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen, auch wenn einige Tiere nach der Rückkehr von der Alm verkauft werden… Im Gegenteil: Für die Desinfektion müssen sie 4 Euro bezahlen, dann gehen 10 Euro an den Hirten, der sie im Frühjahr und Herbst auf dem Sonnenberg betreut, 10 Euro zahlen sie für die Alm im Ötztal und dann noch 3 Euro für die Schur, so dass jedes Schaf 27 Euro kostet. Wolle, die jahrelang unverkäuflich war, bringt jetzt 1 Euro pro Kilo! Kurzum: Gäbe es keine EU-Subventionen, wären die Kosten zu hoch und viele würden wohl aufgeben. Aber die Aufgabe der Weiden würde auch der Umwelt schaden, denn die Artenvielfalt des Sonnenbergs würde abnehmen, bestimmte Trockenwiesen würden verschwinden, Sträucher und Wälder würden überhandnehmen!
Verschiedene Gerichtsdokumente aus den Jahren 1442, 1461 und bis 1889 berichten von ständigen Streitigkeiten zwischen den Hirten und Herden von Kortsch, Sonnenberg und Schlanders, die einst drei getrennte Gemeinden waren, wegen des Eingriffs in die Natur. Es ist vielleicht erwähnenswert, dass die alte Straße von Schlanders ins Schnalstal über das Taschljöchl nicht auf der linken (westlichen) Seite des Bachtals von Schlanders verlief, die heute von der Karrenstraße und den Herden genutzt wird, sondern auf der gegenüberliegenden Seite. Wie Johann Prenner in einer seiner Schriften berichtet, führte der als Enne-Weg bekannte Weg, der Schlanders mit dem Schnalstal verband, in der Nähe des Gehöfts Zerminig vorbei, das 1958 durch einen Blitzschlag zerstört wurde. Und auf diesem Weg wurden die Toten aus Vent und dem oberen Schnalstal transportiert, die früher auf dem Friedhof der Göflaner Kirche begraben wurden. Das Schlandrauntal spielte einst für Schlanders eine wichtige Rolle, auch wirtschaftlich: Laut dem Theresianischen Grundbuch von 1779 verbrachten hier bis zu 200 Kühe, 100 Stiere, 50 Kälber und 300 Schafe den Sommer!

Schnalstal
Zu den Schafen aus den verschiedenen Dörfern im Vinschgau kommen die Schafe aus den Höfen des Schnalstals. Es gibt zwei Stellen, an denen sich die Herden vor dem Grenzübertritt treffen. Der erste Ort ist Kurzras auf 2.011 m Höhe, wo die Herden aus Schlanders, Kortsch und vom Sonnenberg ankommen und nach der Überquerung des Taschljöchl auf 2.772 m übernachten, bevor sie am nächsten Tag weiter in Richtung Hochjochferner aufsteigen. Bei der Schutzhütte Schöne Aussicht (auf 2.880 m) angekommen, machen sie eine Rast, bei der den Hirten traditionell eine Gerstsuppe angeboten wird.
Bis 1995, bevor Österreich Mitglied der Europäischen Gemeinschaft wurde, kontrollierten und zählten hier Finanzbeamte und Veterinäre die Schafe im „vorübergehenden Export“. Die Strecke ist recht anspruchsvoll, vor allem auf der Schnalstaler Seite kurz vor der Hütte. Hier geschah es nicht selten, dass Schafe bei eisigem Schnee talwärts rutschten, bisweilen mit tödlichen Folgen. In den letzten Jahren wurde bei ungünstigen Witterungsverhältnissen jener Aufstieg vorgezogen, der ein Stück der Skipiste entlang verläuft, dann unterhalb der nicht mehr in Betrieb befindlichen Kaserne der österreichischen Finanzpolizei vorbeiführt und oberhalb von Rofen auf den Weiden in etwa 2.400 m Höhe endet.
Der zweite Ort, an dem sich die Herden aus dem Vinschgau mit denen aus dem Schnalstal treffen, liegt in der Nähe des Vernagter Sees auf 1.750 m Höhe. In den geräumigen Pferchen haben bereits die Laaser Schafe übernachtet. Nachdem sie das Tal des Fallerbaches erklommen und das Taschljöchl passiert haben, machen sie sich erneut auf den Weg, um das Niederjoch auf 3.019 m und die Similaunhütte zu erreichen.
Eine interessante Votivtafel, die in der Unser Frau Kirche aufbewahrt wird, erinnert daran, dass sich hier 1694 ein Unfall ereignete: „1694 führte ich die Schafe auf das Joch und stürzte in eine Gletscherspalte, ich rief die Madonna an und wurde gerettet und ihr widmete ich als Zeichen des Dankes diese Tafel. Georg Kofler.“ Doch dies war weder der erste noch der letzte Unfall. Am 16. Juni 1979 verwandelte sich das anfänglich schlechte Wetter schnell in einen Sturm. Sieben Hirten mit 250 Schafen waren nicht mehr in der Lage weiterzugehen und baten um Hilfe. Der Gastwirt Leo Gurschler von Kurzras flog die Retter unter großem Risiko mit seinem Hubschrauber ein, und es gelang ihnen, die sieben Hirten und 152 Schafe zu retten. Die inzwischen verstorbenen Schafe wurden ebenfalls mit dem Hubschrauber geborgen und später ins Tal zurückgebracht. Von dieser tragischen Episode habe ich jedoch keine Überlieferung gefunden!
Von der Similaunhütte geht es weiter über einen Abschnitt, der bis vor einigen Jahren von einem Gletscher bedeckt war. Wie bereits erwähnt, verlief die alte Route, bevor die Hütte gebaut wurde, weiter nördlich und höher auf 3.240 m und führte genau an der Stelle vorbei, wo Ötzi gefunden wurde. Im Sterberegister von Vent ist vermerkt, dass 1724 in der Nähe die Leiche eines 1701 im Gletscher verschwundenen Menschen gefunden wurde, die als gut erhalten, aber ziemlich zerquetscht beschrieben wird. Dann gibt es einen weiteren historischen Bericht: Im Jahr 1738 stieg der Innsbrucker Arzt Anton Roschmann durch das Niedertal ins Schnalstal und beschrieb seine Wanderung sehr detailliert: „… man fröstelt in einer unerwarteten Kälte, man sieht keine Bäume, keine Weiden oder Wiesen, sondern große schneebedeckte Täler und Gletscher, die von ungeheuren Klüften und Spalten durchbrochen sind, aus denen Gras, Steine und sogar Menschen- und Tierknochen (ossibus hominum, animaliumque) herausgeschleudert werden…“. Wer weiß, vielleicht Hirten oder Ötzis Gefährten? Verschiedene Legenden, die gesammelt und niedergeschrieben wurden, bevor Ötzi gefunden wurde, erzählen von einem Jäger, der in den Gletscherspalten verschwand und einen Palast bewohnte, in dem schöne Jungfrauen lebten… Aber inzwischen ist der Gletscher fast verschwunden und die schönen Jungfrauen mit ihm.
Der Abstieg endet in der Nähe des Weilers Kaser, oberhalb des Dorfes Vent auf 2.100 m Höhe, wo sich eine (erst kürzlich renovierte) Hütte befindet, in welcher der Hirte den ganzen Sommer über lebt. Auch hier gibt es besondere Regeln, die das Verhältnis zwischen den Schäfern vom Vinschgau und jenen vom Ötztal im Detail festlegen; so dürfen die Schafe von Vent an einer Quelle auf Vinschgauer Territorium trinken, aber nicht zu lange bleiben (auch um nicht zu viel Futter zu verbrauchen), und in den Vereinbarungen ist festgelegt, dass die Hirten die Schafe nach dem Trinken mit lautem Peitschenknallen hinuntertreiben müssen! Viele Informationen über das Schnalstal habe ich von Konrad, Hermann und Manuel Goetsch, Großvater, Vater bzw. Sohn, erhalten: drei Generationen von Schäfern, die ich kennenlernen durfte.
Bis 1963 wurde auch ein drittes transalpines Joch begangen, das Gurglereisjoch, das höchste und gefährlichste von allen. Auch dieses ist wie die anderen auf der Karte von Peter Anich aus dem Jahr 1774 verzeichnet, ein deutliches Zeichen für seine Bedeutung! Es liegt im oberen Pfossental, einem Seitental des Schnalstals (wie die Bewohner des Schnalstals zu sagen pflegten: „Ohne das Pfossental gibt es das Schnalstal nicht“), wo neben den Schafen aus St. Katharina auch Herden aus Naturns und sogar aus dem Ultental zusammenkamen.
Der Historiker Beda Weber schrieb 1838, dass das Pfossental „… von 50 Personen bewohnt wird, die in neun isolierten, von Erdrutschen und Lawinen bedrohten Höfen untergebracht sind. In den besten Jahren deckt der Getreideanbau nur ein Drittel des Bedarfs, der Rest muss aus dem Vinschgau importiert werden…“. Die Wanderung der Schafe über diesen Pass ist nicht so alt wie jene am Hochjochferner und Niederjoch, sondern erst ab dem 17. Jahrhundert dokumentiert. Beda Weber berichtet im selben Jahr 1838, dass „die Besitzer der extremsten Bauernhöfe Herden von 200 oder 400 Schafen aus anderen Tälern gegen Bezahlung in Verwahrung nehmen, und dank dieser Einkünfte können sie überleben“.
In der Nähe dieses Passes ereigneten sich mehrere Unfälle, von denen einige nur mündlich überliefert sind, wie z.B. der, der sich um 1300 ereignet haben soll und bei dem elf Hirten ums Leben kamen. Ein weiterer schwerer Vorfall soll sich um 1920 ereignet haben, als ein gewaltiger Schneesturm die Hirten auf dem Rückweg dazu zwang, in der Stettinerhütte auf 2.875 m Höhe Schutz zu suchen. In diesem Fall kamen auch die Schafe und Lämmer in das Gebäude, und diejenigen, die keinen Platz fanden, etwa 200, erfroren! Von einem anderen Vorfall, der sich am 10. September 1744 ereignete, gibt es hingegen ein Dokument, das im Archiv der Kirche St. Katharina aufbewahrt wird und in dem es heißt: „…rigore necati sunt in monte glaciato…“. Es werden die Namen der fünf verstorbenen Hirten Johannes Gorfer, Josephus Pohl, Georgius Pohl, Casparus Schoepf und Martinus Goetsch genannt und hinzugefügt, dass dort auch etwa 100 Schafe umgekommen sind!
Ebenfalls im Pfossental wurden jüngst die Überreste eines ziemlich großen Gebäudes (ca. 80 m²) auf einer Höhe von etwa 2.600 m in der Nähe des Weges zum Eisjöchl entdeckt, die der Archäologe Andreas Tutzer im Sommer 2023 ans Licht brachte. In der Umfassungsmauer finden sich mehrere Feuerstellen, Nischen und Strukturen, die auf die Nutzung des Gebäudes als Almhütte schließen lassen. Eine Bronzefibel lässt eine Datierung zwischen 1700 und 1400 v. Chr. zu, aber die Ausgrabungen und Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen und könnten noch weitere Überraschungen bereithalten!
Vom Pfossental aus gelangten einige Herden nach Pfelders im Ridnauntal, wo lange Zeit Silberminen betrieben wurden, in denen in Spitzenzeiten bis zu 1.000 Bergleute arbeiteten. Diese Gemeinde musste mit Nahrungsmitteln aus tieferen Höhenlagen versorgt werden, etwa aus dem benachbarten Ötztal, dem Passeiertal und dem Schnalstal.















