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Dennis Pongs

Eva Götsch

Die Schafmutter

Eva Götsch

Mit der elfjährigen Tochter den Bauern beim traditionellen Schafübertrieb vom Ötztal ins Südtiroler Schnalstal helfen? O ja, das geht, wobei sich die Tochter am Ende geschickter anstellen wird als die Eltern.

In Vent überreiche ich Magdalena ihre Stöcke. „Die sind blöd!“, mault die Tochter. Ihr Blick sagt: Wenn wir wenigstens richtige Nordic-Walking-Stöcke hätten wie die Wanderer, die jetzt am Nachmittag über steile Pfade in das Bergsteigerdorf am hintersten Ende des Ötztales herunterklappern. Aber gewöhnliche Skistöcke beim Schafübertrieb im Herbst? „Wir haben die schlechteste Ausrüstung!“, protestiert die Elfjährige.

Erst recht im Vergleich zu den Schaftreibern. Wettergegerbte, wortkarge Männer, die auf dem Parkplatz rauchend herumstehen. Sie stecken in klobigen Bergstiefeln und schmutzigen Jeans, um die Bäuche spannen sich blaue Schürzen mit dem Emblem des Schafzuchtvereins Schnalstal. Die Treiber stützen sich auf kinnlange, an der Spitze eisenbewehrte Holzstöcke, speckige Haselnussstecken, die wie das Outfit der Männer starke Gebrauchsspuren aufweisen. Mit den Treibern sind wir zum traditionellen Schafübertrieb vom Ötztal ins Schnalstal verabredet. Wir dürfen mithelfen, die Tiere, die im Juni dieselbe Strecke zu ihren traditionellen Weidegründen über den Niedertalferner sowie die 3017 Meter hoch gelegene Similaunhütte bewältigt haben, retour in ihre Ställe in Südtirol bringen. „Natürlich könnten wir die Tiere mit Lastwagen ins Ötztal und retour fahren, aber es geht um die alten Bräuche“, sagt Josef Götsch, Obmann der Alminteressentschaft Niedertal, der den jährlichen Treck organisiert. Dass das aber viel teurer wäre, erwähnt er nicht.

Esel und Bernhardiner

Götsch hat drei Töchter: Carla, 27, Eva, 17, und Paula, 10 Jahre alt. Paula ist das erste Mal mit dabei. Aufgeregt erzählt sie Magdalena, dass sie daheim auf dem Hof elf Milchkühe hätten, die sie alle beim Namen aufzählt, Hühner, Ziegen sowie ein uraltes Pony, das aussähe wie eine Mischung aus Esel und Bernhardinerhund. Von den Schafen, die wir treiben sollen, fehlt zunächst jede Spur. Helfer sammelten sie in den vergangenen Tagen auf den weit verstreuten Weidegründen im Venter Tal ein, wo die Schnalstaler seit Jahrhunderten Weiderechte innehaben. Nun befinden sie sich am Sammelpunkt bei der Martin-Busch-Hütte, von Vent sind es dorthin drei Gehstunden. Wir latschen durch das karge Niedertal, wo bald die letzten Latschen Grasnarben weichen, die in herbstlichen Rottönen leuchten. Während Paula aufblüht im vertrauten Milieu, hat das neue Umfeld Magdalena eingeschüchtert. Schmallippig stolpert sie neben Paula her, ihre Skistöcke bleiben unter der Satteltasche des Vaters verstaut. Unsere Aufgabe wartet vor der Martin-Busch-Hütte: hunderte hinter einem Bretterzaun zusammengedrängte Schafe. Die Tiere veranstalten eine ohrenbetäubende Kakophonie. Mutterschafe, von den Treibern Görren genannt, rufen nach ihren Lämmern, die Lämmer plärren nach den Müttern, darunter mischt sich das Bimmeln zahlloser Weideglocken. Es ist kalt geworden, die Martin-Busch-Hütte liegt auf 2501 Metern. Um die Hütte wabert Nebel, vom Himmel fallen Graupeln. „Möglich, dass morgen zehn Zentimeter Schnee liegen“, sagt Josef Götsch und verschwindet mit den Treibern in der warmen Hütte. Magdalena und Paula eilen zu einem Verschlag, in dem sie ein halbes Dutzend winziger Lämmer entdecken – das Fell noch nass von der Geburt, noch zu schwach, um auf eigenen Beinen zu stehen. „Sie werden morgen in einem Käfig huckepack über die Berge getragen“, weiß Paula. Ihr und auch Magdalenas Job wird es sein, am Ende des langen Trosses darauf zu achten, dass kein Schaf verloren geht. Unvorstellbar, wie die tapsigen Jungtiere und die kugelrunden Görren, die ihre prallen Euter beinahe am Boden nachschleifen, dem Gewaltmarsch gewachsen sein sollen.

Rücksichtsloses Rempeln

Wie eine Sturzflut ergießen sich am nächsten Morgen die Wollknäuel aus dem geöffneten Gatter. Verteilen sich auf den Hängen links und rechts des Weges, wo die mit ihren Stöcken gestikulierenden Treiber „Hopp! Hopp!“ und „Hoi! Hoi!“ schreien, um die Tiere in die gewünschte Richtung zu dirigieren. Im Laufschritt „fährt“ die Herde, wie die Bauern sagen, aufwärts in Richtung Similaunhütte. Aber was aus der Ferne wie ein harmonisches Fließen anmutet, ist realiter ein erbarmungsloses Rempeln und Stoßen. Wie wild diese Hatz ist, bekommt man auch Ende des Riesenwurms zu spüren, zu dem sich die Schafherde allmählich formiert hat. Einmal versucht ein gehörnter 100-Kilo-Bock seitlich auszubüxen, dann bleibt ein Mutterschaf einfach stehen oder legt den Rückwärtsgang ein, während das jammernde Lamm zwischen unseren Beinen entwischt. Uns erwachsenen Hobbytreibern verlassen bald die Kräfte, wir beschränken uns aufs Zuschauen.

Bartgeier-Alarm

Aber Magdalena hält durch. Gemeinsam mit ihrer neuen Freundin Paula jagt sie den Ausbüxern hinterher, benützt die Skistöcke als künstliche Armverlängerung und dirigiert die Ausreißer zurück zur Herde. Dabei springt die Elfjährige durch sumpfige Grasflächen, über spitze Steine und Gletscherbäche, die Hosenbeine und Bergstiefel sind schlammverschmiert wie bei allen Treibern. In der kalten Luft stoßen Atemwolken aus den Nüstern der Schafe, auf den Mützen und Fleecejacken der Treiber bildet sich eine Reifschicht.

Der Tross kämpft sich langsam über die Reste des Niedertalferner und erreicht die Similaunhütte am Niederjoch an der Grenze zwischen Nord- und Südtirol, den mit 3017 Metern höchstgelegenen Punkt dieser Tortur. Plötzlich schwebt über unseren Köpfen ein Bartgeier, keine 50 Meter entfernt zieht der seltene Greifvogel seine Kreise. Er soll manchmal Lämmer von Felsen stoßen und dann auffressen, behauptet ein Treiber. Dass Bartgeier sich nur von Aas ernähren, sei ein Märchen. Die Lämmchen tun Magdalena jedenfalls leid, sie wäre bereit, gegen den Bartgeier zu kämpfen, sagt sie. So viel Opfermut ist heute gar nicht nötig. Die gefährlichste Wegstrecke beginnt hinter der Similaunhütte, wo es im Zickzack durch steiles, felsiges Gelände bergab geht. Höchste Konzentration ist jetzt nötig, ein falscher Schritt, und Mensch oder Schaf wären Futter für die Bartgeier. Einige Lämmer, die nicht mehr weiterkönnen, werden von Treibern auf die Schultern genommen. Tiefer unten, wo der Vernagt-Stausee heraufschimmert, wälzt sich die Herde wie eine breite Lawine über sanfter geneigte Hänge. Gierig rupfen die Schafe Grasbüschel aus.

In einer Senke entdecken wir ein kohlrabenschwarzes Lämmchen, es ist noch mit Blut und Schleim verschmiert, seine Mutter brachte es hier auf die Welt, in Panik, die Herde zu verlieren, ließ sie ihr Junges im Stich. So werden Carla, Paula, Eva und Magdalena zu Retterinnen. Carla nimmt das kläglich meckernde Knäuel in den Arm, wo es sich rasch beruhigt, nach einiger Zeit sogar am hingehaltenen Finger zu saugen beginnt, die 27-jährige Bauerntochter weiß, was in solchen Fällen zu tun ist. Abwechselnd tragen die drei Schwestern das Lämmchen ins Tal, auch Magdalena darf den Schützling wie ein Baby im Arm wiegen.

In Vernagt werden wir von Schaulustigen empfangen. Hier seien „ja mehr Zuschauer als Schafe“, spottet ein Treiber. Was ihn und alle anderen nicht davon abhält, für die Fotografen demonstrativ die Hirtenstöcke zu schwingen. Auch Magdalena weiß, was hier von ihr erwartet wird, dass gewöhnliche Skistöcke die Insignien ihres Amtes bilden, ist jetzt egal. Beim abschließenden Zeltfest gibt es Gegrilltes. Wir bestellen Lammkoteletts.

Quelle: diepresse.com
https://www.diepresse.com/3879836/ein-falscher-schritt-und-du-bist-futter-fuer-die-bartgeier

Hermann Götsch

Hermann Götsch

Bergbauer & Obmann der Agrargemeinschaft Niedertal

Hermann Götsch geboren 1975 in Meran, ist auf dem Hof Obergamp in Vernagt im Schnalstal aufgewachsen. Unter demselben Dach lebt eine „Dynastie“ von Bauern/Züchtern, die sich seit Generationen mit Schafen beschäftigen. Sein Vater Konrad ist der ehemalige Präsident der Agrargemeinschaft Niedertal, die seit 1514 die ausgedehnten Almen im Ötztal verwaltet und bewirtschaftet.

Als Bauer des Hofes hatte er 80 Schafe, die den Sommer im Ötztal verbrachten, während er sie im Frühjahr und Herbst an den Hängen des Prettbergs oberhalb des von ihm gepachteten Hofes Obergamp hielt. Konrad begleitete die Herden unzählige Male an der Similaunhütte vorbei und erinnert sich daran, dass der Gletscher damals selbst die Hütte umspülte und man mehr als eine Stunde brauchte, um ihn zu überqueren.

Mehrmals war das Wetter nicht gut und 1979 tötete ein schrecklicher Sturm 70 Schafe! Hermann, sein Sohn, begleitete die Schafe zum ersten Mal 1983, als er erst 8 Jahre alt war, und dann jahrzehntelang, und er erinnert sich, dass inzwischen die gesamte Überquerung ohne Betreten des Gletschers erfolgt ist! Da er recht kräftig war, hatte er die Aufgabe, die entlang der Strecke geborenen oder zu schwachen Lämmer in einem speziellen Korb auf den Schultern zu tragen. Aber er erinnert sich auch gerne an bestimmte Abende, sogar mit dem Akkordeon, in der alten, 2011 von einer Lawine zerstörten Hirtenhütte. Dann erzählt er stolz, dass sie mit Hilfe von Handwerkern und Firmen aus dem Schnalstal sofort wieder aufgebaut wurde und heute ein Schmuckstück ist, ausgestattet mit einer ökologischen Kläranlage und einer Turbine zur Erzeugung des nötigen Stroms.

Seit 2005 hat er den Hof geerbt und hält nun rund 30 Schafe. Inzwischen hilft sein Sohn Manuel, der mit 6 Jahren die Schafe zum ersten Mal ins Ötztal brachte, nicht nur bei den Arbeiten auf dem Hof, sondern verbringt auch den ganzen Sommer alleine in der neuen Schäferhütte. Erst Anfang September, wenn die Schafe in einem großen und unwegsamen Gebiet zusammengetrieben werden müssen, holt er sich die Hilfe von vielen Mitarbeitern. Eine sehr anstrengende Arbeit, die, wie Hermann sagt, ohne die Hilfe von gut ausgebildeten Hunden nicht möglich wäre!

Anton Peter Raffeiner

Anton Peter Raffeiner

Bergbauer & Obmann der Agrargemeinschaft Rofenberg

Anton Raffeiner wurde 1956 in Meran geboren. Er wuchs auf dem Pitairhof auf, der an den steilen Hängen oberhalb der rechten Talseite liegt. Auf dem kleinen Hof wurde früher auch Getreide angebaut und 30 Schafe gehalten.

Anton erbte den Hof 1985 von seinem Vater, doch inzwischen war das Einkommen aus den hofeigenen Produkten zu gering geworden, um eine Familie würdig zu ernähren. So fand er eine Anstellung bei den Gletscherbahnen, arbeitete aber weiter auf dem Hof, musste aber aus Zeitmangel die Schafhaltung aufgeben.

1997 übernahm er, getrieben von seiner ungebrochenen Leidenschaft für die Schafe und dem Gefühl „Einer muss es ja tun“, das Amt des Präsidenten der Rofenberg-Alm, als Nachfolger von Johann Reiner, der dieses heikle Amt von 1957 bis 1997 innehatte.

Heute führt Anton die Bücher und Aufzeichnungen der Alm, die acht Bauern gehört, und verwaltet ihre Geschicke. Zu seinen Erinnerungen an die vielen Almbesteigungen der letzten Jahre zählt er den raschen Rückzug der Gletscher und den rasanten Vormarsch der Touristen.

Hans Haid

Hans Haid

österreichischer Volkskundler, Bergbauer und Mundartdichter

Foto: Hans Hofer

Hans Haid (1938-2019) war ein österreichischer Volkskundler, Mundartdichter und Aktivist, der sich zeitlebens für die Bewahrung und Förderung der alpinen Kultur und Umwelt engagierte. Geboren und aufgewachsen in der Region Ötztal in Tirol, entwickelte er schon früh eine enge Verbindung zu seiner Heimat und den dort lebenden Menschen. Diese Verbundenheit prägte sowohl sein berufliches als auch sein künstlerisches Schaffen.

Leben und Werk

Hans Haid studierte Volkskunde, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck. Nach Abschluss seines Studiums arbeitete er als Lehrer und setzte sich gleichzeitig intensiv mit der regionalen Kultur und den Traditionen des Ötztals auseinander. Sein Hauptaugenmerk lag dabei auf der Erfassung und Bewahrung der Mundart, der Volksbräuche und der traditionellen Lebensweisen.

Als Mundartdichter veröffentlichte Haid zahlreiche Gedichtbände, in denen er die Sprache und das Leben der alpinen Bevölkerung in den Mittelpunkt stellte. Seine Gedichte sind geprägt von einer tiefen Naturverbundenheit und einem feinen Gespür für die Nuancen der alpenländischen Mundart. Dabei gelang es ihm, die traditionellen Ausdrucksformen in eine moderne, poetische Sprache zu überführen.

Engagement für die Umwelt

Neben seiner Tätigkeit als Volkskundler und Dichter war Hans Haid ein leidenschaftlicher Umweltaktivist. Er setzte sich vehement für den Schutz der alpinen Landschaften und deren Biodiversität ein. In den 1970er Jahren engagierte er sich gegen den Ausbau der Wasserkraftwerke in den Alpen und war Mitbegründer der „Initiative Pro Ötztal“, die sich erfolgreich gegen den Bau von Großkraftwerken im Ötztal zur Wehr setzte. Seine Umweltaktivitäten brachten ihm Anerkennung, aber auch Widerstand seitens der wirtschaftlichen und politischen Interessengruppen ein.

Kulturelle Projekte und Vermächtnis

Hans Haid initiierte und leitete zahlreiche kulturelle Projekte, darunter das Ötztaler Heimatmuseum und das „Ötztaler Mundartarchiv“. Diese Einrichtungen widmen sich der Sammlung, Dokumentation und Präsentation der regionalen Kultur und Geschichte. Durch seine Arbeit trug Haid maßgeblich dazu bei, das kulturelle Erbe des Ötztals zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Sein Engagement und sein künstlerisches Werk wurden vielfach ausgezeichnet. Er erhielt unter anderem den Tiroler Landespreis für Kunst und den Österreichischen Naturschutzpreis. Hans Haid hinterließ ein reichhaltiges kulturelles Erbe, das auch nach seinem Tod weiterlebt und als Quelle der Inspiration für nachfolgende Generationen dient.

Schlusswort

Hans Haid war eine herausragende Persönlichkeit, die es verstand, die Traditionen und die Sprache seiner Heimat auf eine zeitgemäße und künstlerisch anspruchsvolle Weise zu bewahren und zu fördern. Sein Einsatz für die Umwelt und die kulturelle Identität des Ötztals macht ihn zu einem wichtigen Vertreter der alpenländischen Kultur und einem Vorbild für den aktiven Schutz von Natur und Tradition.

Suugelen Suugelen

suugelen suugelen
höörla leck leck leck
höörla leck leck leck
decht nit
drschtickn vrhungrn vrreckn
parge völl suugelen
schallen drumummha
lompm und groosn
und roppm an felsnen
worchtn und passn
gahe draunocha
öögn auspiekn
gaaling dr töet
suugelastöet
drschticket vrhungrcht vrleent
höörla leck leck leck
und wiidr di nöet und dr töet
und di freede
eppan wöll und asö …

schafe kommt, kommt
höörla leck leck leck
höörla leck leck leck
bloß nicht
ersticken verhungern verrecken
berge voll schafe
rundherum glocken
lämmern und grasen
und raben auf den felsen
warten und passen
knapp drumherum
augen aushacken
bald darauf der tod
der schafestod
erstickt verhungert lawinenverschüttet
höörla leck leck leck
und wieder die not und der tod
und die freude
etwas ja und so weiter

Dieses Gedicht wurde publiziert in:
TIROLER LAND wie bist du …? Eine musikalisch-literarische Reise.
BONA EDITIO – Thomas Ploder, Mötz 2009 (S. 134), mit CD
Gedicht gelesen vom Autor, mit Musik von Marcello Fera (CD Track 5, 1:30)

2012 anlässlich der Ausstellung von Pro Vita Alpina zum Thema Schaftrieb im Infopoint des Ötztal Tourismus in Ambach, Ötztal. Das Foto zeigt eine Gruppe, die Barbara Haid, Tochter von Hans Haid, im September 2012 zum Schaftrieb begleitet hat sowie zwei Journalisten. Infos zur Vernissage der Ausstellung: https://www.meinbezirk.at/imst/c-lokales/einladung-zur-ausstellungseroeffnung-schafe-sind-in-der-galerie-im-infopoint-des-oetztal-tourismus-in-ambach_a332965

Schoofe (Schafe)

suugelen pamperlen schalleewe gschtraun wiidr muttl muttele kilberlen suugl jaarlig schtechschoof schoofpraatle olm is gleiche a sella freede güetn appetitt

schäfchen mutterschaf mit der schelle kastriertes schaf widder hornloser widder kleiner hornloser widder junges weibliches schaf mit milch aufgezogenes lamm ein jahr altes schaf stechschaf schafbraten immer dasselbe eine solche freude und guten appetit

Mit Hans „Walmtaler“ Niedermaier (gest. 2023) mit den Schafen unterwegs (Foto: Alfward Farwer, 2009)
Das Foto dokumentiert schön, wie Hans Haid immer wieder mit den Schafen mitgegangen ist und sich mit den Treibern unterhalten und Informationen gesammelt hat.

Manuel Götsch

Manuel Götsch

Schafhirte

Manuel Götsch ist ein bekannter Hirte aus dem Schnalstal in Südtirol, der durch seine Arbeit in der Almwirtschaft und sein Engagement für die traditionelle Lebensweise und nachhaltige Landwirtschaft Anerkennung gefunden hat. Als Mitglied einer Familie, die tief in den Traditionen des Schnalstals verwurzelt ist, spielt Manuel Götsch eine wichtige Rolle in der Bewahrung und Weiterentwicklung der jahrhundertealten Praktiken der Almwirtschaft.

Manuel Götsch wuchs im Schnalstal auf und war von klein auf in die landwirtschaftlichen Tätigkeiten der Familie eingebunden. Schon früh entwickelte er eine Leidenschaft für die Natur und die Tiere, die ihn schließlich dazu führte, den Beruf des Hirten zu ergreifen. Er übernahm die Verantwortung für die Pflege und das Wohl der Herden, die während der Sommermonate auf die Hochalmen getrieben werden. Diese Praxis der Transhumanz ist eine zentrale Tradition in der Region, bei der das Vieh in den wärmeren Monaten auf höher gelegene Weiden gebracht wird, um das frische Gras zu nutzen, und im Winter in die Täler zurückkehrt.

Die Arbeit als Hirte erfordert eine Vielzahl von Fähigkeiten und ein tiefes Verständnis der alpinen Umwelt. Manuel Götsch verfügt über umfangreiches Wissen über das Verhalten der Tiere, die Pflanzenwelt und die wechselnden Wetterbedingungen in den Bergen. Seine tägliche Arbeit umfasst die Überwachung der Herden, das Sicherstellen ihrer Gesundheit und den Schutz vor möglichen Gefahren wie Raubtieren und extremen Wetterereignissen.

Ein bemerkenswerter Aspekt von Manuel Götsch’s Arbeit ist sein Engagement für nachhaltige Landwirtschaft und den Erhalt der Biodiversität. Durch die Beweidung tragen die Tiere zur Verbreitung von Pflanzensamen bei und helfen, die Bergwiesen offen und vielfältig zu halten. Diese nachhaltige Bewirtschaftung fördert die biologische Vielfalt und trägt zur Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts in den alpinen Regionen bei.

Darüber hinaus ist Manuel Götsch auch in der lokalen Gemeinschaft aktiv und setzt sich für die Förderung und Weitergabe traditioneller Handwerkstechniken ein. Dazu gehört die Herstellung von Käse und anderen Milchprodukten, die Verarbeitung von Wolle und die Pflege der Almgebäude. Diese Fertigkeiten sind nicht nur ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, sondern auch ein kulturelles Erbe, das er bewahrt und an jüngere Generationen weitergibt.

Manuel Götsch hat durch seine Arbeit und sein Engagement breite Anerkennung und Respekt in der Gemeinschaft erlangt. Er ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie traditionelle landwirtschaftliche Praktiken in der modernen Welt relevant bleiben und einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung der Umwelt und der kulturellen Identität leisten können.

Seine Geschichte und seine Arbeit als Hirte im Schnalstal sind ein inspirierendes Beispiel für die Bedeutung von Tradition, Nachhaltigkeit und der engen Verbindung zwischen Mensch und Natur. Manuel Götsch trägt dazu bei, das kulturelle Erbe und die natürliche Schönheit der Südtiroler Alpen zu bewahren und für zukünftige Generationen zu schützen.

Der Schnalser Schafhirte Manuel Götsch führt jedes Jahr rund 1700 Schafe vom Schnalstal über den Alpenhauptkamm ins Ötztal – wie schon seine Vorfahren seit Jahrhunderten. Dort verbringt er mit den Tieren den Sommer. Diese Art der Viehwirtschaft heißt Transhumanz und ist immaterielles UNESCO-Kulturerbe. Manuel nimmt Sebastian Ströbel mit auf eine Runde durch das riesige, alpine Gebiet und sie versuchen gemeinsam, ein verletztes Schaf zu retten.

https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/sebastian-stroebel-meine-alpen-menschen-der-berge-doku-100.html

Erbe seiner Vorfahren

Wieder schallen uralte Hirtenrufe durch die morgendliche Dunkelheit. Einer der spektakulärsten und ältesten Vieh-Triebe der Alpen steht bevor: Mit 1.500 Schafen geht es vom Südtiroler Schnalstal ins österreichische Ötztal. Seit vielen Jahrhunderten schon ziehen Menschen mit ihren Tieren übers Gebirge, Transhumanz nennt sich diese Form der Wanderweidewirtschaft, die von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt wurde.
Ein Filmteam begleitete den jungen Südtiroler, der das Erbe seiner Vorfahren angetreten hat: Den 24-jährigen Schafhirten Manuel Götsch.  Er hofft, dass es auch nach ihm noch lange weitergehen wird mit dieser Tradition, die bereits Jahrhunderte überdauert hat, allen Veränderungen auf der Welt zum Trotz.

Willy Gurschler

Willy Gurschler

Interview mit dem Schafflüsterer

WIR FAHREN DURCH EINEN TUNNEL. DANN KLETTERT LINKS EINE BERGWIESE IN DIE HÖHE. UMRINGT VON SCHWARZEN UND WEISSEN SCHAFEN STEHT DORT WILLY GURSCHLER, DER SCHÄFER. ALS WIR HINKOMMEN, ZIEHT SEINE HERDE BLÖKEND DAVON. BIS AUF EIN KLEINES SCHAF. ES BLEIBT ZWISCHEN UNS STEHEN, KNABBERT AN UNSEREN JACKEN, SUCHT UNSERE NÄHE. EIN BLÖKEN UM AUFMERKSAMKEIT.

Wie ist ein Schaf denn?
Mal treu, mal scheu, mal übermütig, jetzt im Frühling bockig. Außerdem stehlen sie mir hier auf der Wiese immer das Heu, das ich eigentlich nur für Zwischenfütterungen gelagert habe. Also, so ein wolliges Tier kann auch ganz schön frech sein.

Willy, kennst du deine Schafe in- und auswendig?
Ja, die sind schon sehr eigen, da hat jedes so seinen Charakter und sein Gemüt. Die einen sind eher bockig, die anderen sind zutraulicher. Namen haben sie zwar keinen, aber die Schafe und ich, wir sind schon sehr vertraut. Der Gang, die erkennen mich am Gang und am Geruch. Die wissen genau, wenn ich daherkomme. Die Mütter und ihre Jungen erkennen einander am Ton. Am „Mäh“ sozusagen und an der Schelle. Jeder Besitzer hat dann noch eigene Farbkombinationen für seine Herde, um die Tiere auseinanderhalten zu können. Dazu dienen auch die gelben Marken in den Ohren.

Wie viele Schafe kannst du zählen?
Hast du ein System?
Bei 1600 Schafen, da ist das Zählen schwierig, da wird im Langes (im Frühjahr) einmal durchgezählt und dann einmal im Herbst. Es gibt genug Schafe, die unterwegs zur Welt kommen. Manch eines verunglückt auch, dort in den Bergen.

Wie bist du auf das Schaf gekommen?
Mah, früher war ich erwerbstätig und hab das Hüten als Hobby nebenbei gemacht, am Wochenende. Jetzt bin ich in Pension und bleibe die ganzen drei Monate oben. Mein Vater war auch 3 Jahrzehnte lang Hirte, aber wenige haben es so lang gemacht wie ich, nämlich 36 Jahre.

Gibt es spezielle Routen oder gehen die Schafe ihre eigenen Wege?
Wir ziehen über‘s Hochjoch. Aber die Schafe, die würden auch ohne Hirten gehen. Besonders die älteren Schafe erinnern sich genau an die Wege und ihre Wiesen. Manchmal werden die Neugeborenen und Mütter im Tal zurückgelassen, aber die gehen auch allein übers Joch und zurück.

Hinterm Joch gibt es also tatsächlich ganze Wiesenflächen? Sind diese Weiden Gemeingut?
Zwischen den Gletschern sind die, da wo man meint, es gibt nichts mehr. Manchmal ist’s ganz blau, weil so viele Blumen wachsen. Die Schafe fressen nur das Beste heraus. Die Weideflächen gehören aber acht unterschiedlichen Besitzern.

Wer ist dein eigentlicher Arbeitgeber?
Der Bauer, eine Genossenschaft? Die Schafe?
Willy lacht. Nein, direkten Arbeitgeber habe ich keinen, hüten tue ich, weil ich’s gern tue. Aber es sind schon die Schafe von über 30-40 Bauern, die auf Weiden getrieben werden. Man kriegt zwar pro Schaf eine Pauschale, für’s Geld tut man das aber nicht. Es ist auch nicht so leicht neue Hirten zu finden. Die Jungen wollen nicht mehr lange hinterherrennen.

Dem Geld oder den Schafen?
Lacht wieder. Den Schafen. Dem Geld wird bald einmal nachgerannt. Viele entscheiden sich deswegen auch für eine andere Form der Viehwirtschaft. Früher haben wir 6000-8000 Schafe hochgetrieben. Heute zahlt sich die Kuhmilchwirtschaft eher aus.

Du bist drei Monate unterwegs. Fehlen dir auf dem Berg eigentlich andere Menschen?
Ist dir nie langweilig?
Nein, langweilig wird’s nie, da ist jeden Tag etwas anderes zu tun. Ich freu’mich, wenn ich oben bin und wenn ich unten bin, freu’ich mich auch. An manchen Tagen muss ich glatt schauen, dass ich meine Ruhe habe. Da wollen sie alle ratschen (plaudern), die Wanderer. Ich geh da lieber meine Wege und wenn ich mal selber ratschen will, dann kehre ich bei einer Schutzhütte ein. Die Wirte da oben kenne ich alle. Da trifft man auch auf manchen Bergführer, die erzählen mir dann, wenn sie auf einem Grat ein Schaf gesehen haben.

Was gehört alles zu deinen Aufgaben?
Ich gehe immer meine Runden, einmal über die Wiesen, einmal in die Höhe. Ausserdem trage ich das Salz zu den Herden. Ich hab’nämlich überall kleine Salzhüttelen (kleine Häuschen) eingerichtet. Ich schau schon gut auf meine Schafe. Früher, da habe ich fünfzig Kilogramm Salz alleine hochgetragen, auf dem Rücken. Stundenlang ohne zu rasten. Heute schaffe ich das nicht mehr. Das Alter. Wenn die nicht genug Salz haben, dann rennen sie den Wanderern nach – dann tun sie salzln. Das ist nicht zu unterschätzen – wenn so eine Herde auf dich zurast.

Wo schläfst du eigentlich dort oben?
In der Schäferhütte. Mein Vater hat in der Hütte noch den Schnee auf der Bettdecke gehabt, wenn in der Nacht der Schnee gefallen ist, und die gefrorenen Socken. Wenn ich jetzt raufgehe, dann erwartet mich da eine gute Stube, mit Holz und Strom wird eingeheizt. So hab ich mir das eingerichtet. Es ist wohlig angenehm da oben, mir fehlt es an nichts.

Wovon ist die Herde am meisten zu schützen?
Welchen Gefahren ist sie ausgesetzt?
Am gefährlichsten ist eigentlich der Adler, der packt die kleinen Lämmer, eins nach dem anderen. Oder der Fuchs. Zum Glück gibt’s noch keine Bären hier. Jetzt, wo die Gletscher zurückgehen, gibt’s auch nicht mehr so viele gefährliche Absturzstellen in den Bergen. Der Blitz erschlägt manchmal eins der Tiere. Aber überall könnte man nicht Acht geben und vor Naturgewalt kann man die Tiere nicht schützen.

Wie kommunizierst du mit deinen Kollegen?
Pfeifen oder doch mit dem Handy?
Da oben hab ich keine Kollegen. Ich bin der einzige Hirte in den Bergen. Aber Treiber, davon gibt’s eine ganze Truppe, an die 20 Leute sind wir. Da kennt man sich so gut, dass man eigentlich nicht mehr viel reden muss. Wir pfeifen, die Hunde helfen uns. Im Herbst treiben wir 3 Tage lang die Schafe zusammen – da braucht’s uns alle. Das ist ja ein weitläufiges Revier, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wenn ein paar Schafe zurückgelassen werden, müssen sie halt nachher nochmal gesucht werden.

Du schaust auf 1600 Schafe. Hast du denn ein Lieblingsschaf in deiner eigenen Herde?
Mah, gernhaben tue ich alle 56. Willy lacht.

Wie rufst du deine 56 Lieblingsschafe?
Leck-Leck-Leck oder Geh-Geh-Geh. Aber auf dem Berg hilft mir das nicht viel, da haben die genug Salz. Da horchen sie nicht mehr auf mich.

Sobald wir uns zurückziehen, ruft Willy sein Geh-Geh-Geh.
Die Lieblingsherde kommt unter vieltönigem Gebimmel langsam näher. Zu ihrem Lieblingshirten.

Hansi Platzgummer

Hansi Platzgummer

Künstler aus dem Schnalstal

„Immer ist er da, der Similaun.“
Hansi Platzgummer über den Berg, der sein Leben und seine Kunst geprägt hat

Der 1952 geborene Hansi Platzgummer ist – wie sein Bruder Sepp – ein Schnalser Urgestein, sein ganzes Leben eng verwoben mit dem Similaun, der Natur, der Mystik des Tals. Diese Verbundenheit spiegelt sich auch in seinen Bildern wider. Im folgenden Gespräch gewährt er Einblicke in seinen Werdegang als Künstler – und in sein umfangreiches Wissen zur (natur)geschichtlichen Entwicklung des Schnalstals.

Du arbeitest seit vielen Jahren als Maler. Wie bist du zur Kunst gekommen und welche Rolle haben das Schnalstal und insbesondere der Similaun dabei gespielt?

Ja, das mit der Kunst hat sich einfach so ergeben … Gezeichnet habe ich ja immer schon, aber so richtig intensiv beschäftige ich mich damit erst in den letzten Jahren. Angefangen habe ich mit Aquarellmalerei, mit dem Zeichnen der Höfe des Tals, wie sie sich in die Landschaft schmiegen, harmonisch und stolz zugleich. Irgendwann habe ich dann begonnen, mit Naturpigmenten und Erden zu arbeiten. In der Natur entstehen durch verschiedenste Vorgänge diese schönen, grau-blaue, ocker oder auch rötliche Erden und Lehme. Ich bearbeite sie und mache Pigmente daraus, die verarbeite ich dann mit Wasser in einer Art Fresko-Technik zu Strukturbildern, die etwas abstrakt erscheinen. Also was heißt abstrakt – näher an der Natur als mit diesen Pigmenten könnte ich ja gar nicht sein. (lacht)
Was mich außerdem nach wie vor – in der Kunst und im Leben – fasziniert, sind die Schafe und wie sie unsere Landschaft und die Menschen im Schnalstal prägen. Sie finden sich häufig in meinen Bildern wieder. Ohne das Schaf gäbe es das Schnalstal in seiner jetzigen Form ja nicht, die Landschaft ist über Jahrtausende so entstanden, beeinflusst durch das Weiden der Tiere. Ich bin überzeugt davon, dass der Mensch dem Schaf gefolgt ist und nicht umgekehrt. Schafe sind hervorragende Wegbereiter, sie finden überall einen Durchgang. Und sie waren natürlich lange Zeit die wichtigste Lebensgrundlage für die Schnalser Bevölkerung, ernährungstechnisch und auch wirtschaftlich. Ich glaube, dass die Wege der Schafe die Urwege des Tals sind. Wenn man diesen Wegen folgt, findet man auch die ältesten Spuren der Menschen – Schalensteine, Brandopferplätze, usw. Der „Ötzi“, die berühmte Gletschermumie, war auch schon auf diesen Wegen unterwegs. Auf diesen Wegen finde ich immer wieder Inspiration für meine Kunst.

Weil du den Ötzi ansprichst: Du hast als Kind und später auch als Erwachsener ja viel Zeit auf der Similaunhütte verbracht, die über 100 Jahre im Besitz deiner Familie ist und auf dem Weg zur Fundstelle des Mannes aus dem Eis liegt. Wie hast du diesen historischen Fund erlebt?

Die Similaunhütte war sozusagen meine zweite Heimat, ja, da haben sich die Abenteuer meiner Kindheit abgespielt. Als der Ötzi gefunden wurde, war das zunächst keine große Sache. Man dachte, es sei ein vermisster Bergsteiger, hat die Leiche geborgen und die Fundstelle gesichert. Ich kann mich erinnern, dass mich mein Neffe an dem Tag von der Similaunhütte angerufen hat und zu mir sagte: ‚Das ist aber ein komischer Bergsteiger, so einen hab ich noch nie gesehen, der hat Heu in den Schuhen und einen ganz seltsamen Eispickel dabei!‘ (lacht) Erst später wurde die Bedeutung des Fundes klar – und dann kamen natürlich viele Wissenschaftler aus allen Bereichen auf die Hütte: Archäologen, Botaniker, Geologen, aber auch Matriarchats- und Mythenforscher. Ich war mit vielen von ihnen unterwegs, das war sehr interessant und hat mir viel Wissen gebracht. Die Gegend wurde ja unter allen erdenklichen Gesichtspunkten untersucht. Da hab ich das Schnalstal und seine Bergwelt von einer ganz neuen Seite kennengelernt.

Welchen Bezug haben denn Matriarchats- und Mythenforscher zum Similaun?

Man weiß heute, dass der Name Similaun auf die vorindogermanische Bezeichnung Sam Alu Ana zurückgeht, was in etwa ‚Weiße Göttin Ana‘ bedeutet. Ana steht für Erdmutter. In der Vorstellung der Bergvölker waren die meisten Berge ursprünglich weiblich, sie galten mit ihren Quellen und Weideplätzen als Lebensspender, darum auch die weiblichen Namen. Man geht ja davon aus, dass in der Jungsteinzeit das Matriarchat in Mitteleuropa die vorherrschende Gesellschaftsform war – das Patriarchat und die männliche Namensgebung haben sich erst später durchgesetzt. Betrachtet man die Lage des Similaun, so ist er ein ganz besonderer Berg. Insbesondere als geografische Orientierungshilfe: Von Juval kommend, hat man den Similaun vor sich, genauso von Vent aus, und auch aus dem Passeiertal oder vom Taschljöchl im Vinschgau – immer ist er da, der Similaun. Das ist auch der Grund, warum er in vielen Sagen auftaucht, beispielsweise ‚Den drei Saligen‘.

Die große Bedeutung unserer Bergwelt zeigt sich an zahlreichen Orten. Neben Ötzi wurden noch weitere Funde gemacht, die beinahe genauso interessant und wichtig sind: In der Finailgrube auf 2.400 m gab es z.B. einen Brandopferplatz. In dessen Kohleschichten wurden Tierknochen gefunden, aber auch Glasperlen aus dem Mittelmeerraum und Bernstein von der Ostsee. Die Schichten datieren zurück bis in die Bronzezeit, also bis etwa 1.800 v. Chr.. Das heißt, dass diese Übergänge und Hochweiden schon damals als Verbindung von der Ostsee bis hinunter ans Mittelmeer genutzt wurden.

Der Berg wird heute von vielen Menschen bestiegen, mit den Skiern befahren, überquert. Möglich gemacht hat das auch die Gletscherbahn. Wie siehst du die touristische Erschließung des Schnalstals und die Entwicklung, die das Tal dadurch erlebt hat?

Um etwas zu verändern, braucht es immer Menschen mit Ideen, Plänen und der Kraft, diese auch umzusetzen. Die Gletscherbahn war für das Tal eine wichtige Entwicklung, auch wenn dadurch natürlich vieles anders geworden ist.
Früher bedeutete Bergsteigen wirklich ein Sich-Hineinwagen in die Natur. Heutzutage bringt man Bergsteigen eher mit „Action“ in Verbindung. Viele starten im Tal, gehen an einem einzigen Tag auf den Gipfel und wieder zurück. Was heute zählt, sind die Höhenmeter und die Distanzen, da wird genau in Etappen eingeteilt, man setzt sich Zeitlimits usw. Das ist fast ein Wettbewerb. Viele erleben dabei die Natur nicht mehr wirklich, denn dafür muss man sich Zeit nehmen – und Zeit ist heutzutage Mangelware. Aber vielleicht ist das auch einfach das Gerede eines alten Mannes! (lacht)
Die Natur ist eben nicht schnelllebig. Wenn man sich aber auf sie einlässt, hält sie so viel Staunenswertes bereit – gerade in den Bergen, gerade hier im Schnalstal, mit seiner Ursprünglichkeit. Und das kann man auch heute noch erleben, trotz aller Veränderungen.

Martin Rainer

Martin Rainer

Künstler

Martin Rainer wurde 1923 auf dem Örlerhof im Schnalstal geboren. Schon als Kind begann er, während er die Herde seines Vaters hütete, Holzfiguren zu schnitzen, und sein ganzes Leben lang waren seine Werke von dieser archaischen, von tiefer Religiosität geprägten Hirtenwelt inspiriert.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat am Ende des Zweiten Weltkriegs und nach einer Zeit der Gefangenschaft in einem amerikanischen Lager in der Nähe von Neapel, in der er weiterhin Holzschnitzereien schuf, mit denen er sogar den ersten Preis in einem unter den Gefangenen veranstalteten Wettbewerb gewann, setzte er seine Arbeit im Kunstlager fort.

Im Jahr 1947 besuchte er die Kunstschule in Gröden und später die Akademie der Bildenden Künste in München. In den 1960er Jahren wurde sein Heimatbauernhof und andere Höfe abgerissen, um Platz für den Vernago-Stausee zu schaffen. 1964 zog er nach seiner Heirat mit seiner Familie nach Brixen, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2012 tätig blieb.

So begann er, auf Bestellung Kleinplastiken und Porträts zu schaffen, darunter auch die seiner sieben Kinder. Im Laufe seiner sehr langen künstlerischen Karriere versuchte er sich an Holz, Terrakotta und Bronze und schuf Statuen, Medaillen, Flachreliefs und hinterließ uns unzählige Meisterwerke, die zahlreiche Privatsammlungen sowie öffentliche Werke in der ganzen Provinz Bozen bereichern.

Ein roter Faden, der vielleicht nicht immer erkennbar ist, verbindet seine Werke mit seinen Jugenderfahrungen: Ich denke an die Figuren, die seine Krippen beleben, die reich an kleinen Details sind und die, obwohl sie von seiner akademischen Erfahrung beeinflusst sind, die Wurzeln seines Heimattals beibehalten. Diese unzähligen Figuren und Situationen erinnern in dreidimensionaler Form an bestimmte Gemälde von Hieronymus Bosch; kurz gesagt, Martin Rainer ist ein Geschichtenerzähler ersten Ranges. Sein berühmtestes Werk ist zweifellos der monumentale Lebensbrunnen auf dem Brixner Domplatz. Auf dem mit Wasser gefüllten Marmorbecken, dem Symbol des Lebens, ruht eine elegante, schraubenförmige Bronzepyramide, die mit allegorischen Figuren geschmückt ist. Ein weiterer Brunnen vor der Schnalstaler Pfarrkirche zeigt den guten Hirten umgeben von seinen Schafen, und in diesem Fall ist der Rahmen des Werks die alpine Landschaft seines Heimattals. Schafe, Hirten, Bergsteiger, Jäger und Beute: ein Mikrokosmos, gesehen mit profundem Wissen und einem Hauch von Ironie, sind seine Lieblingsthemen.

Martin Rainer, an den sich alle erinnern, dass er immer bescheiden gekleidet war, hat zahllose Auszeichnungen und Ehrungen erhalten, aber von allen möchte ich den Walther-von-der-Vogelweide-Preis und die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Schnals erwähnen, die er besonders geschätzt hat. Dutzende von Biografien und Katalogen, die im Laufe der Jahre veröffentlicht wurden, tragen dazu bei, die Erinnerung an den Künstler und sein Werk wach zu halten.

Friedrich Gurschler

Friedrich Gurschler

Künstler

Geboren wurde er 1923 in Unser Frau in Schnals. Sein Onkel Luis hat ihm das Schnitzen beigebracht und schon früh entdeckte er die Leidenschaft für diese Kunstform. Nach dem Kriegsdienst arbeitete er drei Jahre als Knecht im Schnalstal. Danach besuchte er die Kunstschule St. Ulrich in Gröden.

Von 1953 bis 1958 studierte Friedrich Gurschler an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg Bildhauerei. In Nürnberg hat er die wesentlichen Prinzipien der Bildhauerei kennen gelernt. Intensiv beschäftigte er sich mit dem Studium der Tieranatomie. Der Nürnberger Zoo befand sich neben der Kunstakademie. Er nutzte diese Gelegenheit um auch exotische Tiere kennen zu lernen. Nach seinem Studium kehrte er nach Südtirol zurück. Seitdem lebte und arbeitete er als freischaffender Künstler in Töll/Partschins. Fast sein halbes Leben lang schnitzte Friedrich Gurschler an zwei großen Krippen. Sie erzählen von seinen christlichen Wertevorstellungen und zeigen die Tier und Menschenwelt seiner Umgebung. Seine Herkunft aus dem Schnalstal und seine Bindung an die Kultur des Vinschgau zeigen sich hier besonders.

Zum 90. Geburtstag von Friedrich Gurschler veranstaltete das Kuratorium Schloss Kastelbell ihm zu Ehren eine Ausstellung. Friedrich Gurschler prägte die Kunst in Südtirol vor allem mit seinen Arbeiten im öffentlichen Raum, in Kirchen, Friedhöfen und auf Plätzen. Er war Ehrenbürger von Partschins und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Walther-von-der-Vogelweide-Preis.

Friedrich Gurschler war ein sehr naturverbundener und gleichzeitig religiöser Mensch. „In den einsamsten Orten in den Bergen und nachts bei der Beobachtung des Sternenhimmels erlebe ich das Geheimnisvollste und fühle mich mit der Großartigkeit der Schöpfung sehr verbunden.“ Das hat sein Leben und seine Werke geprägt.

Quelle: Vinschgerwind / Peter Tscholl
https://www.vinschgerwind.it/menue-lokalwirtschaft/item/31105-friedrich-gurschler-gedenken-toell-partschins-schnals-vinschgau

Gianni Bodini

Gianni Bodini

Künstler, Fotograf, Autor

Gianni Bodini geboren 1948 in Laas. Publizist und Fotograf, Autor zahlreicher Berichte und Bücher, die hauptsächlich bestimmte Aspekte der alpinen Kultur beleuchten, wie z.B.: Riten und Traditionen in Südtirol, Antike Bewässerungssysteme in den Alpen, Ernährungstraditionen in den Alpen, Archäologie der Alpen…

Seit einigen Jahren verfolgt er sporadisch die Bewegungen der Herden in verschiedenen Bergregionen, aber seit mehr als 50 Jahren folgt er regelmäßig den Schafen und Hirten vom Vinschgau bis zu den Sommerweiden im Ötztal. Seine Bilder und Texte konzentrieren sich nicht nur auf die Schafe, die unbestrittenen Protagonisten dieses uralten und spektakulären Ereignisses, sondern berichten auch von den Geschichten, die die Hirten erzählen, halten die Veränderungen der Landschaft auch durch den Rückzug der Gletscher fest. Er sammelt auch Dokumente und historische Zeugnisse, die in alten Archivtexten gefunden wurden, sowie ikonographisches Material, das mit dem Thema der Weidewirtschaft zusammenhängt.

Seine Neugier und seine Leidenschaft für die alpine Agrar- und Weidewelt nähren seinen unstillbaren Wissensdurst und treiben ihn dazu, ganze Tage im Freien zu verbringen, um das Verhalten von Tieren und Hirten in den Höhenlagen zu beobachten, aber sie motivieren ihn auch, sich in Bibliotheken und Archiven einzuschließen, um in die Vergangenheit einzutauchen.