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Die Schafmutter

Eva Götsch

Mit der elfjährigen Tochter den Bauern beim traditionellen Schafübertrieb vom Ötztal ins Südtiroler Schnalstal helfen? O ja, das geht, wobei sich die Tochter am Ende geschickter anstellen wird als die Eltern.

In Vent überreiche ich Magdalena ihre Stöcke. „Die sind blöd!“, mault die Tochter. Ihr Blick sagt: Wenn wir wenigstens richtige Nordic-Walking-Stöcke hätten wie die Wanderer, die jetzt am Nachmittag über steile Pfade in das Bergsteigerdorf am hintersten Ende des Ötztales herunterklappern. Aber gewöhnliche Skistöcke beim Schafübertrieb im Herbst? „Wir haben die schlechteste Ausrüstung!“, protestiert die Elfjährige.

Erst recht im Vergleich zu den Schaftreibern. Wettergegerbte, wortkarge Männer, die auf dem Parkplatz rauchend herumstehen. Sie stecken in klobigen Bergstiefeln und schmutzigen Jeans, um die Bäuche spannen sich blaue Schürzen mit dem Emblem des Schafzuchtvereins Schnalstal. Die Treiber stützen sich auf kinnlange, an der Spitze eisenbewehrte Holzstöcke, speckige Haselnussstecken, die wie das Outfit der Männer starke Gebrauchsspuren aufweisen. Mit den Treibern sind wir zum traditionellen Schafübertrieb vom Ötztal ins Schnalstal verabredet. Wir dürfen mithelfen, die Tiere, die im Juni dieselbe Strecke zu ihren traditionellen Weidegründen über den Niedertalferner sowie die 3017 Meter hoch gelegene Similaunhütte bewältigt haben, retour in ihre Ställe in Südtirol bringen. „Natürlich könnten wir die Tiere mit Lastwagen ins Ötztal und retour fahren, aber es geht um die alten Bräuche“, sagt Josef Götsch, Obmann der Alminteressentschaft Niedertal, der den jährlichen Treck organisiert. Dass das aber viel teurer wäre, erwähnt er nicht.

Esel und Bernhardiner

Götsch hat drei Töchter: Carla, 27, Eva, 17, und Paula, 10 Jahre alt. Paula ist das erste Mal mit dabei. Aufgeregt erzählt sie Magdalena, dass sie daheim auf dem Hof elf Milchkühe hätten, die sie alle beim Namen aufzählt, Hühner, Ziegen sowie ein uraltes Pony, das aussähe wie eine Mischung aus Esel und Bernhardinerhund. Von den Schafen, die wir treiben sollen, fehlt zunächst jede Spur. Helfer sammelten sie in den vergangenen Tagen auf den weit verstreuten Weidegründen im Venter Tal ein, wo die Schnalstaler seit Jahrhunderten Weiderechte innehaben. Nun befinden sie sich am Sammelpunkt bei der Martin-Busch-Hütte, von Vent sind es dorthin drei Gehstunden. Wir latschen durch das karge Niedertal, wo bald die letzten Latschen Grasnarben weichen, die in herbstlichen Rottönen leuchten. Während Paula aufblüht im vertrauten Milieu, hat das neue Umfeld Magdalena eingeschüchtert. Schmallippig stolpert sie neben Paula her, ihre Skistöcke bleiben unter der Satteltasche des Vaters verstaut. Unsere Aufgabe wartet vor der Martin-Busch-Hütte: hunderte hinter einem Bretterzaun zusammengedrängte Schafe. Die Tiere veranstalten eine ohrenbetäubende Kakophonie. Mutterschafe, von den Treibern Görren genannt, rufen nach ihren Lämmern, die Lämmer plärren nach den Müttern, darunter mischt sich das Bimmeln zahlloser Weideglocken. Es ist kalt geworden, die Martin-Busch-Hütte liegt auf 2501 Metern. Um die Hütte wabert Nebel, vom Himmel fallen Graupeln. „Möglich, dass morgen zehn Zentimeter Schnee liegen“, sagt Josef Götsch und verschwindet mit den Treibern in der warmen Hütte. Magdalena und Paula eilen zu einem Verschlag, in dem sie ein halbes Dutzend winziger Lämmer entdecken – das Fell noch nass von der Geburt, noch zu schwach, um auf eigenen Beinen zu stehen. „Sie werden morgen in einem Käfig huckepack über die Berge getragen“, weiß Paula. Ihr und auch Magdalenas Job wird es sein, am Ende des langen Trosses darauf zu achten, dass kein Schaf verloren geht. Unvorstellbar, wie die tapsigen Jungtiere und die kugelrunden Görren, die ihre prallen Euter beinahe am Boden nachschleifen, dem Gewaltmarsch gewachsen sein sollen.

Rücksichtsloses Rempeln

Wie eine Sturzflut ergießen sich am nächsten Morgen die Wollknäuel aus dem geöffneten Gatter. Verteilen sich auf den Hängen links und rechts des Weges, wo die mit ihren Stöcken gestikulierenden Treiber „Hopp! Hopp!“ und „Hoi! Hoi!“ schreien, um die Tiere in die gewünschte Richtung zu dirigieren. Im Laufschritt „fährt“ die Herde, wie die Bauern sagen, aufwärts in Richtung Similaunhütte. Aber was aus der Ferne wie ein harmonisches Fließen anmutet, ist realiter ein erbarmungsloses Rempeln und Stoßen. Wie wild diese Hatz ist, bekommt man auch Ende des Riesenwurms zu spüren, zu dem sich die Schafherde allmählich formiert hat. Einmal versucht ein gehörnter 100-Kilo-Bock seitlich auszubüxen, dann bleibt ein Mutterschaf einfach stehen oder legt den Rückwärtsgang ein, während das jammernde Lamm zwischen unseren Beinen entwischt. Uns erwachsenen Hobbytreibern verlassen bald die Kräfte, wir beschränken uns aufs Zuschauen.

Bartgeier-Alarm

Aber Magdalena hält durch. Gemeinsam mit ihrer neuen Freundin Paula jagt sie den Ausbüxern hinterher, benützt die Skistöcke als künstliche Armverlängerung und dirigiert die Ausreißer zurück zur Herde. Dabei springt die Elfjährige durch sumpfige Grasflächen, über spitze Steine und Gletscherbäche, die Hosenbeine und Bergstiefel sind schlammverschmiert wie bei allen Treibern. In der kalten Luft stoßen Atemwolken aus den Nüstern der Schafe, auf den Mützen und Fleecejacken der Treiber bildet sich eine Reifschicht.

Der Tross kämpft sich langsam über die Reste des Niedertalferner und erreicht die Similaunhütte am Niederjoch an der Grenze zwischen Nord- und Südtirol, den mit 3017 Metern höchstgelegenen Punkt dieser Tortur. Plötzlich schwebt über unseren Köpfen ein Bartgeier, keine 50 Meter entfernt zieht der seltene Greifvogel seine Kreise. Er soll manchmal Lämmer von Felsen stoßen und dann auffressen, behauptet ein Treiber. Dass Bartgeier sich nur von Aas ernähren, sei ein Märchen. Die Lämmchen tun Magdalena jedenfalls leid, sie wäre bereit, gegen den Bartgeier zu kämpfen, sagt sie. So viel Opfermut ist heute gar nicht nötig. Die gefährlichste Wegstrecke beginnt hinter der Similaunhütte, wo es im Zickzack durch steiles, felsiges Gelände bergab geht. Höchste Konzentration ist jetzt nötig, ein falscher Schritt, und Mensch oder Schaf wären Futter für die Bartgeier. Einige Lämmer, die nicht mehr weiterkönnen, werden von Treibern auf die Schultern genommen. Tiefer unten, wo der Vernagt-Stausee heraufschimmert, wälzt sich die Herde wie eine breite Lawine über sanfter geneigte Hänge. Gierig rupfen die Schafe Grasbüschel aus.

In einer Senke entdecken wir ein kohlrabenschwarzes Lämmchen, es ist noch mit Blut und Schleim verschmiert, seine Mutter brachte es hier auf die Welt, in Panik, die Herde zu verlieren, ließ sie ihr Junges im Stich. So werden Carla, Paula, Eva und Magdalena zu Retterinnen. Carla nimmt das kläglich meckernde Knäuel in den Arm, wo es sich rasch beruhigt, nach einiger Zeit sogar am hingehaltenen Finger zu saugen beginnt, die 27-jährige Bauerntochter weiß, was in solchen Fällen zu tun ist. Abwechselnd tragen die drei Schwestern das Lämmchen ins Tal, auch Magdalena darf den Schützling wie ein Baby im Arm wiegen.

In Vernagt werden wir von Schaulustigen empfangen. Hier seien „ja mehr Zuschauer als Schafe“, spottet ein Treiber. Was ihn und alle anderen nicht davon abhält, für die Fotografen demonstrativ die Hirtenstöcke zu schwingen. Auch Magdalena weiß, was hier von ihr erwartet wird, dass gewöhnliche Skistöcke die Insignien ihres Amtes bilden, ist jetzt egal. Beim abschließenden Zeltfest gibt es Gegrilltes. Wir bestellen Lammkoteletts.

Quelle: diepresse.com
https://www.diepresse.com/3879836/ein-falscher-schritt-und-du-bist-futter-fuer-die-bartgeier